Ich bin Deutsch https://www.ich-bin-deutsch.land Gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit Sun, 20 Oct 2019 10:32:21 +0000 de-DE hourly 1 Ich bin Deutsch – Sawsan Chebli https://www.ich-bin-deutsch.land/ich-bin-deutsch-sawsan-chebli/ https://www.ich-bin-deutsch.land/ich-bin-deutsch-sawsan-chebli/#respond Sun, 18 Aug 2019 14:38:43 +0000 https://www.ich-bin-deutsch.land/?p=859 Pressebild - Sawsan Chebli © Sharon Back

Der Beitrag Ich bin Deutsch – Sawsan Chebli erschien zuerst auf Ich bin Deutsch.

]]>

Ich bin Deutsch – Sawsan Chebli

Sawsan Chebli ist Bevollmächtigte des Landes Berlin beim Bund und Staatssekretärin für Bürgerschaftliches Engagement und Internationales in der Berliner Staatskanzlei. Zuvor war sie stellvertretende Sprecherin des Auswärtigen Amtes unter Fank-Walter Steinmeier.

Offizielles Pressebild ©Sharon Back

Martin Wolfert: Ich habe in einem Interview gelesen, dass Sie sehr viel arbeiten. Würden Sie sich als Workaholic bezeichnen, oder ist der Begriff falsch gewählt?
Sawsan Chebli: Ich kann mit dem Begriff Workaholic nicht viel anfangen. Ich liebe die Politik und meine Arbeit und kann das oft gar nicht so sehr von meinem Privatleben trennen. Denn was mich zum Beispiel als Staatssekretärin für bürgerschaftliches Engagement antreibt, wo es um Demokratie und Zusammenhalt geht oder um den Kampf gegen Rechts, lege ich nicht einfach ab, sobald ich nach Hause gehe. Das ist eine Daueraufgabe, die mich auch als Privatperson bewegt.

Martin Wolfert: Trotz dieser langen Arbeitstage haben Sie sich die Zeit genommen, Teil von meinem jungen Projekt „Ich bin Deutsch!“ zu werden. Was hat Sie bewogen mitzumachen?
Sawsan Chebli: Klar! Solche Gespräche sind wichtig. Ich versuche gerade da stärker aktiv zu sein, wo die Scheinwerfer eben nicht sind. So bin ich viel in der Stadt unterwegs und besuche kleinere Vereine oder Initiativen, die wenig Sichtbarkeit haben. Das sind Termine, die mir am Herzen liegen. Sie zeigen mir, wie wichtig es ist, Menschen, die sich für den Zusammenhalt einsetzen, den Rücken zu stärken.

Martin Wolfert: Ihre Biografie ist eher ungewöhnlich und sollte meiner Meinung nach als Vorbild dienen. In den USA würde man sagen, Sie lebten den American Dream. Wenn man auf Deutschland sieht, dann sieht positive Resonanz anders aus. Warum glauben Sie ist das so? Weil Sie eine erfolgreiche und starke Frau sind? Ist das Neid?
Sawsan Chebli: Wenn man sich Aufsteiger in der Politik aus den USA anschaut, sieht man auch dort, dass das alles nicht so leicht ist. Alexandra Ocasio-Cortez zum Beispiel, ist eine Person, die stark mit Anfeindungen, Sexismus und Rassismus zu kämpfen hat. Sie wird auch bedroht. Es ist heute so, dass jeder, der Haltung einnimmt, für etwas steht, immer massive Gegenwehr erleben wird. Und je sichtbarer wir sind, desto radikaler die Angriffe. In dem Moment, in dem ich für die Öffentlichkeit sichtbar geworden bin und stark Position bezogen habe gegen rechts, wurde ich zum Feindbild Nummer eins der Rechten. 

Martin Wolfert: Ich glaube, dass Sie ein Vorbild für Jugendliche, gerade aus schwierigen Verhältnissen sind. Wie schafft man es mit den Startbedingungen, die Sie hatten, dahin zu kommen, wo Sie jetzt sind? Ist das nur harte Arbeit, ist das Glück, hängt das von Mentoren oder von Rückhalt ab?
Sawsan Chebli: Das ist eine Kombination von ganz vielen Dingen. Ein wichtiger Aspekt ist der familiäre Rückhalt. Trotz fehlender eigener Bildung hatten meine Eltern schon immer ein starkes Bewusstsein dafür, dass Bildung wichtig ist. Dann gab es immer Personen, die an mich geglaubt haben. Ein Großteil ist auf jeden Fall eigener Ehrgeiz.

 Wir können nicht immer erwarten, dass jedes Kind diesen Ehrgeiz und diese Stärke hat, sich durchzuboxen. Das System muss hier viel stärker werden, als es jetzt ist, um niemanden abzuhängen. Wir müssen noch mehr Energie und Ressourcen hineinstecken, dass jedes Kind unabhängig vom Geldbeutel oder den Ausgangsbedingungen die Möglichkeit hat sich weiterzubilden. Damit meine ich nicht unbedingt ein höheres Studium, sondern auch eine vernünftige Ausbildung.

Martin Wolfert: Sie können in Berlin das Thema Bildung ein wenig anders handeln, weil Bildung ja Ländersache ist. Müsste es da Initiativen geben, weil ja nicht jedes Kind die gleichen Chancen bekommt?
Sawsan Chebli: Das ist eine der größten Aufgaben unserer Zeit. Mit Bildung hängt alles zusammen. Die Zukunftsfähigkeit unseres Landes hängt davon ab, ob wir es schaffen, unsere Kinder vernünftig auszubilden. 

Martin Wolfert: Wenn Sie junge Menschen, egal welcher Hautfarbe, motivieren wollten, ihren eigenen Weg zu finden und zu gehen, mit welchen Stories würden Sie versuchen diese jungen Menschen mitzunehmen?
Sawsan Chebli: Zuerst erzähle ich, wie ich meinen Weg gegangen bin, und versuche sie, dahingehend zu stärken, ihren eigenen Weg zu finden und nicht aufzugeben. Von den vielen Reaktionen, die ich gerade von jungen Menschen bekomme, ist es für sie auch sehr wichtig, dass ich mich durch die ganzen Hater und Hetzer nicht beirren lasse, sondern weitermache. Ich bin auch Mentorin bei einigen Projekten, in denen es darum geht, junge Migranten bei ihrem Werdegang zu begleiten. Sie zu beraten. Ihnen meine Netzwerke anzubieten. Mit Anfeindungen und Rassismus umzugehen. 

Martin Wolfert: Das heißt, Sie haben sich im Laufe ihres Lebens, was Rassismus und Diskriminierung angeht, ein dickes Fell zugelegt?
Sawsan Chebli: Ja, sonst funktioniert das ja gar nicht.

Martin Wolfert: Können Sie abschalten?
Sawsan Chebli: Manchmal, ja …

Martin Wolfert: Wer war denn die wichtigste Person auf Ihrem bisherigen Lebensweg?
Sawsan Chebli: In unterschiedlichen Phasen unterschiedliche Menschen.

Martin Wolfert: Haben wir in Deutschland wieder ein Problem mit Antisemitismus?
Sawsan Chebli: Wenn Sie sich die Zahlen anschauen, die das BMI kürzlich herausgegeben hat, dann sieht man einen fast zwanzigprozentigen Anstieg antisemitischer Vorfälle.
Daher: Ja. Aber nicht nur in Deutschland, sondern europaweit erleben wir einen Anstieg an Antisemitismus. Das macht mir Sorgen. Denn Antisemitismus ist für mich Gift für die Demokratie. Wenn Juden sich in unserem Land nicht sicher fühlen und nicht mehr sicher sind, dann ist auch unsere Demokratie bedroht.

Martin Wolfert: Die Tatsache, dass sie einen palästinensischen Hintergrund haben, bietet ja durchaus ein Spannungsfeld, weil einige Menschen vielleicht denken könnten, Sie wären zu pro israelisch?
Sawsan Chebli: Ja, nicht jeder unterstützt mein Engagement. Angriffe erlebe ich von beiden Seiten. Die meisten aber unterstützen meinen Kampf gegen Antisemitismus. Dass Juden und Muslime an einem Strang ziehen sollten, sehen doch sehr viele ein. Heute gibt es auch viel höhere Bereitschaft der muslimischen Akteure auf Juden zuzugehen, als es jemals vorher der Fall war.

Martin Wolfert: Dieser aufkommende Antisemitismus, hat das etwas mit den Phänomenen Trump oder Johnson zu tun?
Sawsan Chebli: Antisemitismus war schon immer da. Aber Antisemitismus tritt heute aggressiver, unverhohlener und viel selbstbewusster auf. Das hat mit der Stimmung in Europa und in unserem Land zu tun. Mit Rechtsruck und dem Verschieben von roten Linien. Mit Dingen, die die AFD sagt wie „… ein Vogelschiss in der Geschichte …“ und „… Mahnmal der Schande …“. Mit Dingen, die aus der Mitte der Gesellschaft kommen, und auf einmal salonfähig sind.

Martin Wolfert: Bleiben solche Leute, wie Trump, Johnson etc., Ihrer Meinung nach nur eine Randnotiz der Geschichte?
Sawsan Chebli: Wenn man sich die heutige Entwicklung in der Welt ansieht, gibt es leider wenig Indizien, die darauf hindeuten, dass das nur ein kurzweiliges Phänomen ist.

Martin Wolfert: Wir werden uns also damit auseinandersetzen müssen …
Sawsan Chebli: Wir setzen uns alle in der Gesellschaft schon die ganze Zeit, jeden Tag, damit auseinander. Ich habe gerade gestern mit einer Zeitzeugin über Rassismus, über den Rechtsruck und über Ausgrenzung gesprochen. Sie hat gesagt, das erinnere sie alles ein wenig an früher. Wenn man das hört, dann wird einem übel.

Martin Wolfert: Meinen Sie die Gesellschaft in Deutschland hat etwas daraus gelernt und reagiert heute anders als früher?
Sawsan Chebli: Ich finde die Mitte zu still!

Martin Wolfert: Wie könnten wir die Mitte darin unterstützen lauter zu werden?
Sawsan Chebli: Ich verstehe ehrlich gesagt nicht, wie man so still sein kann, wenn man in einem Land mit dieser hässlichen Geschichte lebt. Als Staatssekretärin versuche ich, Menschen zu motivieren, sich zu engagieren. Versuche, ihrer Stimme Gehör zu verschaffen, indem ich es auch laut tue, mich nicht kleinkriegen lasse und selbst Gesicht zeige. Ich würde mir wünschen, dass das mehr Menschen auch tun.

Auf der anderen Seite muss man auch sehen, dass sich in Berlin über siebenunddreißig Prozent der Menschen für andere engagieren, für Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind. Auch das müssen wir uns immer vor Augen führen, gerade dann, wenn man das Gefühl hat: es wird alles immer schlimmer. Wir sehen auch Geflüchtete, die 2015 bei uns angekommen sind und heute mit anpacken, sich für die Gesellschaft engagieren. Mit unserem Projekt Farbenbekennen wollen wir genau dieses Engagement sichtbarer machen.

Martin Wolfert: Ist das vielleicht auch ein Stück mediengemacht, mehr solche Schlagzeilen zu produzieren …?
Sawsan Chebli: Ja. Ganz klar, auch Medien haben eine große Verantwortung. Denn es ist deutlich schwieriger, mit einer positiven Geschichte auf die Titelseite zu kommen. Berliner lokale Medien sind jedoch Vorreiter in Sachen Sichtbarkeit von Engagement. Das finde ich toll.

Martin Wolfert: Twittern Sie deswegen so viel? Um Aufmerksamkeit zu erreichen, um Menschen auf etwas hinzuweisen?
Sawsan Chebli: Ja, auch. Ich wirke so an politischen Diskursen mit und versuche mit meiner Stimme, Veränderungen herbeizuführen.

Martin Wolfert: Ist das eine neue Art von Politik? Aus der Sicht meiner Generation heraus fühlt es sich seltsam an, über Twitter Politik zu machen. Vor allem, wenn die Twitter-Konsumenten sich nicht die Mühe machen, über ihre Blase hinauszusehen.
Sawsan Chebli: Ich finde das zu kurz gegriffen, wenn man sagt, Twitter sei eine Blase. Zum Teil gibt es diese Blase, aber manche Tweets, die ich absetze, werden auch außerhalb von Twitter diskutiert und von anderen Medien breit aufgegriffen. Twitter ist eine von vielen Kommunikationstools, die uns heute zur Verfügung stehen.

Martin Wolfert: Wie definieren Sie den Begriff „Heimat“ für sich? Ist das ein Gefühl oder ein Ort?
Sawsan Chebli: Das hat ganz viel mit Gefühlslage zu tun. Das kann zu unterschiedlichen Zeiten ein unterschiedlicher Ort sein. Berlin und Deutschland sind jedoch immer Heimat. Egal, wo ich auf der Welt bin.

Martin Wolfert: Eine Frage, die ich allen Projektteilnehmern stelle: Gibt es etwas, was für Sie typisch Deutsch ist?
Sawsan Chebli: Typisch Deutsch hat so viele Facetten. Typisch deutsch ist Pünktlichkeit, Disziplin, Genauigkeit, Bürokratie. Aber auch Dauermeckerei ist typisch deutsch. Dass wir uns mit loben schwertun, ist typisch deutsch. Wenn ich mir das vielfältige Berlin ansehe, dann ist das typisch Deutsch. Berlin-Kreuzberg ist typisch Deutsch, aber auch Bayern mit den Dirndln und dem Oktoberfest ist typisch Deutsch und im Ausland sicher ganz stark mit Deutschland verbunden.
Wir haben in 2017 ein Projekt gestartet, das „Farbenbekennen“ heißt. Da haben wir Geflüchtete mit dem Slogan „Typisch Deutsch“ abgebildet. Weil sie für bestimmte Werte stehen. Für Hilfsbereitschaft, für Empathie, für Disziplin, dafür, dass sie mit anpacken, dass sie Verantwortung übernehmen. Das sind wichtige Tugenden, die ich auch als typisch Deutsch empfinde. Typisch Deutsch hat eben viele Gesichter.

Martin Wolfert: Frau Chebli, vielen Dank für das Interview und für Ihre Mitwirkung an meinem Projekt.

Vielen Dank an dieser Stelle an die Stiftung gegen Rassismus, die mir im Rahmen des Projektes „Prominent gegen Rassismus“ das Interview mit Frau Chebli vermittelt hat.

Der Beitrag Ich bin Deutsch – Sawsan Chebli erschien zuerst auf Ich bin Deutsch.

]]>
https://www.ich-bin-deutsch.land/ich-bin-deutsch-sawsan-chebli/feed/ 0
Ich bin Deutsch – Dr. Karamba Diaby (MdB) https://www.ich-bin-deutsch.land/ich-bin-deutsch-dr-karamba-diaby-mdb/ Fri, 02 Aug 2019 13:28:46 +0000 https://www.ich-bin-deutsch.land/?p=816 Beitragsbild: Dr. Karamba Diaby (MdB)

Der Beitrag Ich bin Deutsch – Dr. Karamba Diaby (MdB) erschien zuerst auf Ich bin Deutsch.

]]>

Ich bin Deutsch – Dr. Karamba Diaby (MdB)

Karamba Diaby wurde im Senegal geboren und wuchs auch dort auf. Er studierte zuerst Biologie und Geologie auf Lehramt in Dakar und kam später über ein Stipendium in die damalige DDR, um dort an der Martin-Luther-Universität in Halle-Wittenberg Chemie zu studieren. Dort lernte er auch seine spätere Ehefrau kennen. Danach promovierte Karamba Diaby zum Doktor der Naturwissenschaften. 2009 trat er in die SPD ein und wurde in den Stadtrat von Halle gewählt. Mit der Bundestagswahl 2013 konnte Karamba Diaby in den Bundestag einziehen.

Das Interview durfte ich im Büro von Karamba Diaby im Deutschen Bundestag machen.

Martin Wolfert: Viele Menschen, mit denen ich mich über den Begriff „Schwarz“ als Hautfarbe unterhalten habe, stören sich daran. In Ihrem Buch beziehen bzw. definieren Sie den Begriff „Schwarz“ für sich selbst nach der Definition der ISD (Initiative Schwarze Menschen in Deutschland). Können Sie verstehen, dass manche Menschen ein Problem mit diesem Begriff von „Schwarz“ haben?
Karamba Diaby: Es gibt ja keine einheitliche Definition davon. Ich kann mich mit dieser Beschreibung identifizieren. Die ISD hat sich dafür entschieden, genauso wie man sich in Amerika auf „Black“ mit großem „B“ geeinigt hat, auch in Deutschland den Begriff „Schwarz“ mit großem „S“ zu schreiben. Somit erhält man eine Zuordnung und nicht die Eigenschaft einer Hautfarbe. Aber ja, ich kann verstehen, dass die Gefahr besteht, dass nicht alle damit einverstanden sind.

Martin Wolfert: Darf ich diesen Begriff aufgrund Ihrer Definition im Rahmen des Interviews so verwenden?
Karamba Diaby: Ja, natürlich.

Martin Wolfert: Sie schreiben in Ihrem Buch über einen rassistischen Taxifahrer, der Sie nicht mitgenommen hat. Dieser Vorfall ist nun schon zwei Jahre her. Passiert Ihnen so etwas immer noch, nachdem Sie nun Bundestagsabgeordneter sind? Gehen die Menschen anders mit Ihnen um?
Karamba Diaby: Dazu muss man wirklich wissen, dass Rassismus inzwischen in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Bei mir steht ja nicht auf der Stirn, dass ich Bundestagsabgeordneter bin. Daher werde ich wie jeder andere, wenn ich nicht gerade in Anzug und Krawatte herumspringe, mit bestimmten Blicken konfrontiert, und muss mich wie jeder andere auch mit bestimmten Bemerkungen auseinandersetzen.

Es ist wichtig, an den Stellen, an denen man sich nicht selbst in Gefahr bringt, so etwas nicht zuzulassen, nicht zu akzeptieren und nicht als Normalität anzusehen. Das ist mir wichtig.

Mir begegnet das nicht so oft, weil ich mich wahrscheinlich nicht in bestimmten Bereichen bewege. In den Milieus, in denen ich mich bewege, treffe ich vielleicht weniger solcher Leute. Aber im öffentlichen Raum merke ich schon immer diese bestimmten Blicke und auch diese unangenehmen Äußerungen.

Martin Wolfert: Wie ist das in Ihrem Wahlkreis, in Halle an der Saale? Dort sollte man Sie ja eigentlich kennen.
Karamba Diaby: In Halle ist das natürlich eine besondere Situation. Ich lebe dort nun schon seit 33 Jahren und ich habe Halle nie mehr als vier Wochen verlassen. Ich bewege mich dort zu 99 Prozent ohne Auto, mit öffentlichen Verkehrsmitteln, mit dem Fahrrad oder zu Fuß. Man kennt mich also da, und ich habe einen riesengroßen Zuspruch von Hallenserinnen und Hallensern. Das stärkt mich in meiner Arbeit. Zu wissen, dass diese Menschen, die Hass und Hetze verbreiten, nicht die Mehrheit unserer Gesellschaft sind. Das ist sehr, sehr wichtig für mich.

Martin Wolfert: Spüren Sie da einen Unterschied zwischen den neuen und alten Bundesländern?
Karamba Diaby: Zuerst ist mir wichtig, dass man „den Osten“ nicht unter Generalverdacht stellt. Rassismus ist kein Ostphänomen, ebenso wenig wie Rechtsextremismus und Rechtspopulismus. Wenn man sich die Wahlergebnisse der AFD ansieht, dann soll sie in den Landtagen in den neuen Bundesländern, nach aktuellen Prognosen, sehr stark sein. Aber auch wenn diese Zahlen bei fünfundzwanzig Prozent liegen, bedeutet dies, dass fünfundsiebzig Prozent der Deutschen keine AFD wählen.

Sehr wohl sollte man das Phänomen ernst nehmen. Auch sind manche Äußerungen innerhalb der AFD besorgniserregend. Unsere Demokratie ist jedoch immer noch sehr stark, diesen Menschen dieses schöne Land nicht zu überlassen.

Martin Wolfert: Wenn man sich das Phänomen „Trump“ ansieht, glauben Sie, dass so jemand – wenn auch in abgewandelter Form – versuchen könnte unsere Demokratie von innen auszuhöhlen?
Karamba Diaby: Ich hoffe nicht, dass es so weit kommt. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in Europa spüre ich, dass die Menschen, die jeden Tag aufstehen, um die Demokratie zu verteidigen und für eine plurale Gesellschaft einstehen, immer noch laut sind. Auch wenn die Wahlergebnisse, die wir in den letzten Jahren registrieren müssen, nicht immer so befriedigend sind. Ich finde schon, dass ein gewisser Widerstand in dieser Gesellschaft da ist, der das verhindern kann.

Wenn man zum Beispiel die #unteilbar Demonstration in Berlin (Anmerkung: #unteilbar Demonstration vom 13.10.2018) nimmt: Dort sind über zweihunderttausend Menschen auf die Straße gegangen und haben gegen Hetze und Spaltung demonstriert. Das sind ja positive Tendenzen.

Oder nehmen wir Chemnitz: Dort sind über fünfundsechzigtausend Menschen zu einem Konzert gegen rechts zusammengekommen. (Anmerkung: #wirsindmehr Konzert im September 2018).
Es gibt also schon genügend Demokratinnen, Demokraten und mündige Bürgerinnen und Bürger, die sagen: „Das lassen wir nicht zu!“. Das könnte noch mehr sein, meiner Meinung nach, und auch häufiger, aber ich sehe nicht, dass wir hier Verhältnisse wie in Amerika bekommen.

Martin Wolfert: Meine Frau, die in Deutschland geboren ist und einen afroamerikanischen Hintergrund hat, sperrt sich seit Jahren, die neuen Bundesländer aufgrund ihrer Hautfarbe zu besuchen. Sehr wohl wissend, dass dort nicht nur Rechtsradikale oder AFD-Wähler leben. Können Sie solche Ängste verstehen?
Karamba Diaby: Ja, ich kann das verstehen und auch nachvollziehen. Allerdings muss man dann auch sehen, dass die Vorurteile gegenüber Ostdeutschland vergleichbar sind mit den Vorurteilen von manchen Westeuropäern gegenüber Afrika. Es ist ja so: Was man nicht kennt, worüber man immer wieder Berichterstattungen registriert, kann man den Eindruck bekommen, dass es nur schwarz und weiß gibt, nur die eine Seite oder die andere Seite.

Ich persönlich sehe das anders. Ich nehme gerne das Beispiel mit Afrika, weil ich den Kontinent kenne, und weiß, wie die Berichterstattung hier ist und manche die Angst und die Befürchtung haben, dass „die dort“ nicht aufzuhalten sind. Das ist das gleiche Bild wie für viele, die noch nicht im Osten waren.
Man kann nicht ausschließen, dass man in bestimmten Teilen, zu bestimmten Zeiten mit bestimmten Gruppen von Menschen konfrontiert wird, die sehr unangenehm sind.

Ich habe auch immer gesagt: Alles was in Ostdeutschland an bestimmten negativen Ereignissen passiert – damit meine ich nun nicht Ereignisse wie Heidenau oder Rostock vor gut zwanzig Jahren, oder auch Pegida – ich meine die Überfälle aggressiver Art, da waren die falschen Menschen zur falschen Zeit am falschen Ort.

Wie schon gesagt, ich lebe im Osten, seit über dreißig Jahren in Halle. Wir haben dort eine Universität mit sehr vielen internationalen Studierenden und internationalen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Wir haben die Max-Planck-Forschungseinrichtungen mit sehr vielen internationalen Forscherinnen und Forscher aus der ganzen Welt. Ja, von außen nimmt man eine extreme Situation wahr, und auch die Wahlergebnisse der AFD sind erschreckend.

Ich möchte Sie und Ihre Frau ganz herzlich nach Halle einladen, um einen Spaziergang zu machen, damit Sie ein anderes Bild bekommen. Das ist wirklich ernst gemeint.

Während meines Wahlkampfes 2013 hatte ich Besuch von einer kamerunstämmigen Journalistin, die mit ihrem Team aus Paris angereist war, um eine Reportage mit mir zu machen. Nach dem Interview in meinem Büro im Stadtzentrum von Halle wollte sie mit ihrem Team direkt mit dem Auto ins Hotel zurückfahren.
Ich habe dann gesagt: „Das geht nicht. Ihr könnt doch nicht einfach in diese Stadt kommen, ein Interview mit mir machen und dann gleich wieder gehen! Was nehmt Ihr denn für ein Bild von dieser Stadt mit … gar keines?“
Die haben sich gegenseitig einzeln angeguckt und ich habe gefragt:
„Kommt, was ist los, raus mit der Sprache.“
„Naja … sie ist doch Schwarz!“
„Na und, ich auch. Das ist doch eine Ausrede. Ich begleite euch zum Hotel – damit ihr nicht eure Meinung ändert – Ihr macht euch frisch und danach gehen wir zu Fuß durch Halle in die Kneipe. Ich nehme euch mit, ich zeige euch meine Stadt.“
Kaum in der Kneipe angekommen, haben mich die Leute, wir kennen uns ja alle, direkt angequatscht: „Du hast Gäste. Wer ist das und wo kommen sie her?“
Wir haben den ganzen Abend dort gequatscht.

Das heißt: Ich kenne das, was Ihre Frau sagt.

Noch ein Beispiel von einer Landsmännin aus Berlin, deren Mann (aus Würzburg in Süddeutschland) in Halle gearbeitet hat. Von zehn Wochenenden kam er acht nach Berlin, sie zwei nach Halle. Dabei hat sie die Wohnung, die sich sehr zentral in Halle befunden hat, nicht verlassen, sich nicht hinaus getraut. Immer wenn er argumentiert hatte, dass ich ja auch dort lebe, hat sie immer geantwortet, ich sei ja auch ein Mann und eine Ausnahme. Naja, man kann immer für alles eine Ausrede finden (lacht).

Er hat sich mir dann anvertraut, und mich um Hilfe gebeten. Diese Hilfestellung habe ich dann auch gegeben. Nun wohnt sie zusammen mit ihrer Tochter in Halle und hat keinerlei Probleme mehr, sich dort im öffentlichen Raum zu bewegen.

Ja, es ist was dran und es kann immer etwas passieren und Vorurteile gibt es immer. Also bitte, besuchen Sie mich mit Ihrer Frau in Halle.

 

Martin Wolfert: Vielen Dank für Ihre Einladung. Ich werde Sie beim Wort nehmen.
Karamba Diaby:  Genau, tun Sie das.

Martin Wolfert: Das heißt, um die Angst und die Vorurteile meiner Frau zu überwinden soll sie …
Karamba Diaby: … einfach hinkommen.

Letztes Beispiel vielleicht: Ich hatte einen Anruf einer Schwarzen Familie aus Stuttgart. Die Mutter meinte zu mir: „Meine Tochter ist verrückt geworden. Sie möchte unbedingt in Halle studieren. Sie ist doch meine einzige Tochter, das geht nicht.“

Ich fragte dann:  „Warum rufen Sie mich jetzt an?“ „Naja, meine Tochter nennt Sie als Beispiel, dass Sie da leben. Was können Sie mir denn über Halle erzählen? Ich antwortete: „Erstens, ich bin Schwarz!“ (lacht laut). „Das weiß ich“, antwortete Sie. Ich antwortete weiter: „Ich lebe schon lange hier und habe viele, viele Freunde und eine wunderbare Familie. Ich bin jeden Tag in der Stadt (damals war ich noch kein Mitglied des Bundestages).“ „Vielleicht haben Sie eine besondere Situation, in der man Sie nicht angreifen darf?“ „Nein, ich habe hier keine besondere Situation, ich bin einfach ein normaler Sozialarbeiter. Ich kann nicht garantieren, dass nie etwas passiert, das kann ich nicht. Aber ich kann Ihnen sagen, wir haben zweitausend internationale Studenten in Halle, darunter auch viele Schwarze Menschen.“ Die Eltern kamen dann mal zu Besuch nach Halle und das Thema mit dem Studieren in Halle war danach keines mehr. Also: einfach hinkommen.

Martin Wolfert: Wie besetzen Sie denn den Begriff „Heimat“?
Karamba Diaby: (Überlegt) Ich denke, Heimat kann man immer individuell definieren. Für mich persönlich ist Halle meine momentane Heimat. Heimat ist da, wo meine Familie ist, da wo meine Freunde sind, da wo ich mich sicher und geborgen fühle. Das heißt nicht, dass man nur eine Heimat haben kann. Man kann durchaus mehrere Heimaten haben.

Martin Wolfert: Also ist Heimat ein Gefühl?
Karamba Diaby: Ja, genau. Wenn man zum Beispiel Geflüchtete betrachtet, die wegen Folter oder Verfolgung aus ihrem Geburtsland fliehen mussten, wäre die Antwort auf Ihre Frage nicht so einfach zu beantworten.

Martin Wolfert: Wenn Sie im Senegal sind, sind Sie dann der Deutsche?
Karamba Diaby: (Lacht) Ja. Das ist nicht meine eigene Definition, ich fühle mich nicht so. Aber das ist halt so mit der Eigen- und Fremdwahrnehmung. Dort (im Senegal) meinen die Menschen, meine Sprache und meine Gestik wäre nicht typisch senegalesisch. Ich ertappe mich auch selbst dabei, das ich sage: „ … wenn ich dann nach Hause fahre …“, dann sind sie im Senegal beleidigt. Das sind dann die gleichen Leute, die sagen: „Naja, so wie du deine eigene Muttersprache sprichst, du sprichst wie ein Ausländer. Du bist nicht mehr von hier.“ Man ist da zwischen zwei Fronten.

Martin Wolfert: Wie ist denn die senegalesische Gestik im Vergleich zur deutschen?
Karamba Diaby: Auch wenn man das nicht verallgemeinern kann, ist die Gestik viel beweglicher, temperamentvoller und manchmal auch laut. In Deutschland hat man dann gelernt anders, nicht mehr so laut, zu sprechen.

Martin Wolfert: In Ihrem Buch schreiben Sie, sie hätten sich zu dreiundneunzig Prozent integriert und auch an das deutsche Essen gewöhnt. Das war vor zwei Jahren. Ist diese Zahl inzwischen größer geworden?
Karamba Diaby: (Lacht) Nein, es ist nicht mehr geworden. Das ist eine Metapher, um einfach ein wenig zu provozieren und die Themen Integration und Assimilation in den Mittelpunkt zu stellen. Dreiunddreißig Jahre in Deutschland haben mich schon stark geprägt. Dazu gehören auch sicherlich meine Essgewohnheiten.

Wenn man zum Beispiel zu Jugendlichen sagt: „Kocht mal typisch Deutsch“, wird man überrascht sein, dass sie Nudeln mit Tomatensauce kochen.

Martin Wolfert: Das ist eine schöne Überleitung zu meiner „klassischen Frage“, was denn für Sie typisch Deutsch ist.
Karamba Diaby: Es gibt für mich kein „typisch Deutsch“. Es gibt ein gewisses Grundverständniss in der Gesellschaft über demokratische Grundwerte, die Rolle der Frau in der Gesellschaft, die Chancengleichheit zwischen Mann und Frau, eine Vorstellung über den Umgang mit der Umwelt. Das sind Werte, die die Menschen in dieser Gesellschaft verbindet. Das Bindeglied ist dabei das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland.

Das ist mein Leitbild, das Grundgesetz und nicht irgendwelche fiktiven „typisch deutschen Dinge“, die in dem Sinne gar nicht oder nicht mehr existieren. Die Vielfalt dieser Gesellschaft ergibt natürlich vielfältige kulturelle Elemente, die wir alle teilen. Vielleicht ticken die Menschen aus unterschiedlichen Bundesländern ein wenig anders. Die Essgewohnheiten in Niederbayern sind sicherlich andere als in Ostfriesland. Das ist Vielfalt, Teile dieser Gesellschaft. Auch die durch Einwanderung erbrachten Teile sind Teil dieses Landes. Diese Vielfalt ist es, was Deutschland für mich ausmacht.

Martin Wolfert: Mit dem Begriff des Leitbildes, fällt mir auch der Begriff der Leitkultur ein, den die CSU formuliert hat.
Karamba Diaby: Es gibt keine Leitkultur. Es gibt die kulturelle Vielfalt der Gesellschaft, wie ich sie gerade beschrieben habe. Es gibt ein Leitbild, das geprägt ist durch das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland. Besonders Artikel 1 des Grundgesetzes, die Chancengleichheit zwischen Mann und Frau, die Religionsvielfalt. Das ist das Leitbild, zu dem ich mich bekenne und das ich auch verteidige.

Martin Wolfert: Mein Projekt ist ja nun nicht vergleichbar mit „Spiegel Online“ oder der „New York Times“. Was hat Sie dazu bewogen mit diesem Interview Teil meines Projektes zu werden?
Karamba Diaby: Ich finde Menschen spannend, die sich mit Schwarzen Menschen und Biographien beschäftigen. Ich finde, wir benötigen mehr Gesichter der Schwarzen Community in Deutschland, die zu Wort kommen. Wir brauchen viel mehr Gesichter in Deutschland, damit auch deutlich wird, dass auch viele Schwarze Menschen in Deutschland leben.

Nur so können Respekt und Wertschätzung gegenüber der Schwarzen Community wachsen. Deshalb bin ich bereit, bei jeder sich bietenden Gelegenheit die Möglichkeit zu nutzen, um mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Damit sollen andere angeregt werden, sich öffentlich zu äußern und ihre Arbeit darzustellen. Das war der Grund.

Martin Wolfert: Wenn in Deutschland mit einem Gerücht in Bezug auf Rassismus aufgeräumt werden müsste. Welches wäre das?

Karamba Diaby: Zum Beispiel, dass Rassismus nur die Sache einer kleinen Minderheit ist. Alltagsrassimus ist keine Frage der Randgruppen. Rassismus ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Aktuellstes Beispiel ist der Mord an Walter Lübcke in Kassel. Das zeigt ja deutlich, dass die Geister der NSU immer noch in dieser Gesellschaft vorhanden sind. Das ist natürlich ernst zu nehmen.

Martin Wolfert: Mit Ausnahme der Grünen, der Linken und der SPD ist der prozentuale Anteil der Bundestagsabgeordneten mit Migrationshintergrund oder die eine andere Hautfarbe haben im einstelligen Bereich. Haben wir in Deutschland ein Problem, dass Menschen mit Migrationshintergrund nicht so oft richtig Fuß fassen können?
Karamba Diaby: Im Parlament sind wir im Moment bei ungefähr acht Prozent. Das finde ich ein Armutszeugnis, wenn man weiß, dass 23 Prozent der deutschen Bevölkerung einen sogenannten Migrationshintergrund hat. Auch in den anderen öffentlichen Ämtern ist dieser prozentuale Anteil nicht höher. Insbesondere bei den Lehrkräften hat man zum Teil über 80 Prozent Kinder mit Migrationshintergrund in den Klassen. Sieht man jedoch ins Lehrerzimmer, ist die Vielfalt nicht so groß.

Das heißt: Wir müssen noch mehr machen, was die interkulturelle Öffnung der Gesellschaft angeht. Aus meiner Sicht gibt es da mehrere Dinge zu erwähnen.
Einerseits: Je mehr eine Mehrheitsgesellschaft eine Minderheit ablehnt, je weniger Respekt sie gegenüber den Leistungen von Menschen mit Migrationshintergrund entgegenbringt, umso mehr führt das dazu, dass diese sich nicht angenommen fühlen. Das kann dazu führen, dass sich Menschen dann zurückziehen. Es gibt also Stolpersteine, die auszuräumen sind.
Andrerseits: Wenn es um Politik und Engagement geht, dann sieht man ein unheimliches Engagement von Menschen mit Migrationshintergrund, die sich in kleineren Organisationen engagieren. Was mir fehlt, ist vielmehr, sich in den großen Organisationen der Mehrheitsgesellschaft deutlicher zu engagieren – in den Gewerkschaften, in den Parteien und in den Stiftungen.

Ich war zum Beispiel von 1997 bis 2004 Landesvorsitzender der Heinrich-Böll-Stiftung in Sachsen-Anhalt. Wir hatten damals glaube ich einen Anteil von Menschen mit Migrationsgeschichte von 2 Prozent. Trotzdem habe ich damals gesagt, ich mache mit und war dann in einer deutschen, parteinahen Stiftung sechs Jahre lang der Landesvorsitzende.

Mein Plädoyer, mein Appell an jüngere Menschen mit Migrationshintergrund ist, dass die den Weg wagen, trotz aller Widrigkeiten und Konkurrenz, der Mehrheitsgesellschaft zu zeigen, dass existierende rassistische und ausgrenzende Tendenzen Hindernisse für eine Partizipation sind.

Martin Wolfert: Die Probleme von Menschen mit Migrationshintergrund gehen ja schon in der Schule los. Sollte da die Politik nicht aktiv für mehr Chancengleichheit einstehen?
Karamba Diaby:  Ich glaube schon, dass die Schule im Bereich der Bildung eine ganz große Säule darstellt. Unsere Schulbücher sind nicht so interkulturell geöffnet, wie man sich das wünschen würde. Da sollten viel mehr interkulturelle Aspekte eingebaut werden, damit sich Schüler mit Migrationshintergrund viel mehr repräsentiert fühlen.

Die andere Säule sollte sein, mehr Lehrkräfte einzustellen, um den Fokus auf Schulen in bestimmten sozialen Milieus so zu legen, dass die Beteiligung von allen gewährleistet ist und so die Chancen erhöht werden. Das hat nicht nur mit Migranten zu tun, sondern mit allen jüngeren Menschen aus bestimmten sozialen Milieus. Diese müssen stärker unterstützt werden.

Martin Wolfert: Aber Schule ist ja Ländersache.
Karamba Diaby:  Eine Forderung, die wir in diesem Zusammenhang diskutiert haben, ist den Föderalismus, dieses Kooperationsverbot weitestgehend zu lockern oder sogar ganz abzuschaffen. Leider finden wir da keine Mehrheit, da wir auf die Kooperation der Länder angewiesen sind. Auch in der politischen Familie sind wir da völlig unterschiedlicher Meinung: Ich würde sagen, die Links-Mitte-Parteien sind dafür, sogar die FDP. Die CDU/CSU und auch die AFD sind völlig dagegen.

 

Martin Wolfert: Wenn sie Kindern mit Migrationshintergrund einem Tipp geben wollten, wie man sich durch die angesprochenen Widrigkeiten kämpft. Welcher wäre das?
Karamba Diaby:  Für jeden Einzelnen muss natürlich die Möglichkeit geschaffen werden, sich in die Lage zu versetzen, sich als Teil dieser Gesellschaft zu sehen. Also, dass er nicht in einer rassistischen und feindlichen Umgebung aufwächst, und in der Schule die Möglichkeit hat, genauso zu partizipieren wie jeder andere. Das muss die Gesellschaft schaffen.

Für die Person selbst, da wiederhole ich mich gerne, kann ich nur sagen: Auch wenn die Schwierigkeiten da sind, dass man sich immer als einen Teil des Gesamten sieht. Dass man sich nicht einladen lässt, sondern dass man sagt, ich möchte ein Teil davon sein, ich mache mit. So habe ich das immer gemacht.

Ein Beispiel: Ich war ja Vorsitzender des Ausländerbeirates der Stadt Halle. Die Kommune hatte nun auf ein Angebot des Bundes zur Gründung eines Elternetzwerkes reagiert. „Toll!“ dachte ich, „Netzwerken, das ist gut. Da kann man diskutieren, was man in der Kommune verbessern kann.“ Ich bin dann zu einer Sitzung im Stadthaus mit vielleicht hundert Menschen gegangen. Dort habe ich mich nicht an den Rand gesetzt, sondern in die Mitte. Die Leiterin einer sozialen Einrichtung tippte mich von hinten an und fragte:

„Was habt ihr mit dem Thema zu tun?“
Ich antwortete: „Was heißt denn wir?“ (Schmunzelt) „Wir Brillenträger, wir mit kurzen Haaren, oder wir Naturwissenschaftler? Oder wir Väter vielleicht? Ich bin Vater, ich arbeite in Halle. Meine Kinder gehen in die Kindertagesstätte, meine Kinder gehen in die Schule. Deshalb bin ich ein Teil davon. Haben Sie noch eine Frage?“
„Nicht so ernst!“, war die Antwort.
Ich antwortete: „Hallo … Sie haben mich gefragt, was wir hier zu suchen haben und ich habe eine Gegenfrage gestellt, was meinen Sie mit wir?“
Danach hat sie sich woanders hingesetzt.

Martin Wolfert: Aber so mit dieser Situation umzugehen, dafür muss ja ein gewisses Selbstbewusstsein vorhanden sein. So ein Selbstbewusstsein zu erreichen bedarf ja einiges an Arbeit.
Karamba Diaby:  Ja, deshalb habe ich auch von Vorbildern und von Gesichtern gesprochen. Einige dieser Kinder brauchen Vorbilder, Gesichter und Narrative, die von anderen erzählt werden. Das ist ein langer, aber machbarer Weg. Ich denke, es gibt in unserem Land viele viele gelungene Beispiele. Die müssen nur bekannter gemacht werden.

Deshalb finde ich Ihre Arbeit toll, dass Sie zu den gehören, die das bekannt machen.

Martin Wolfert: Danke, ich versuche es. Letzte Frage. Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, welcher wäre das?

Karamba Diaby:  (Überlegt) Wenn ich einen Wunsch frei hätte … wenn wir in den nächsten Jahren so viel in Schulen investieren, dass die aktuellen Ungleichheiten so verschwommen werden, dass jedes Kind in dieser Republik gleich schnell vorankommt.

Martin Wolfert: Herr Diaby, ganz herzlichen Dank für dieses Gespräch.

Vielen Dank an dieser Stelle an die Stiftung gegen Rassismus, die mir im Rahmen des Projektes „Prominent gegen Rassismus“ das Interview mit Dr. Karamba Diaby vermittelt hat.

Der Beitrag Ich bin Deutsch – Sawsan Chebli erschien zuerst auf Ich bin Deutsch.

]]>
https://www.ich-bin-deutsch.land/ich-bin-deutsch-sawsan-chebli/feed/ 0
Ich bin Deutsch – Kelvin https://www.ich-bin-deutsch.land/ich-bin-deutsch-kelvin/ Fri, 14 Jun 2019 15:11:56 +0000 https://www.ich-bin-deutsch.land/?p=782 Beitragsbild - Ich bin Deutsch - Kelvin

Der Beitrag Ich bin Deutsch – Kelvin erschien zuerst auf Ich bin Deutsch.

]]>

Ich bin Deutsch – Kelvin

Kelvin wurde als jüngstes von fünf Kindern, im westafrikanischen Benin in der Stadt Cotonou geboren. Cotonou ist die wirtschaftliche Hauptstadt von Benin und liegt direkt am Meer. Kelvin hat Wirtschaftsinformatik studiert, ist glücklich mit einer deutschen Frau verheiratet, und arbeitet für Europas größten Internetanbieter als Softwareentwickler.

Martin: Kelvin, leben deine Eltern noch in Benin?
Kelvin: Mein Vater wohnt noch dort, meine Mutter ist leider vor sechs Jahren gestorben.

Martin: Woher kommt dein Bezug zu Deutschland?
Kelvin: Mein Vater hat bis 1975 in Deutschland gelebt und studiert. Er gehörte damals zu den besten Schülern seines Jahrganges in seiner Schule und erhielt somit die Möglichkeit ein Stipendium in Europa zu bekommen. So kam er dann zum Studieren nach Deutschland.
Da er zum damaligen Zeitpunkt schon verheiratet war und auch Kinder in Benin hatte – meine älteren Geschwister – ging er nach seinem Studium wieder dorthin zurück , und wurde später zum technischen Direktor der Nationaldruckerei ernannt.
Auch mir war Europa (Frankreich und Deutschland) schon als Schulkind nicht unbekannt. Meine beiden ältesten Geschwister leben schon seit langer Zeit in Frankreich und in Deutschland. Durch viele Besuche und Urlaube wusste ich sehr früh, wie diese beiden Länder ticken.

Martin: Die Bindung deines Vaters an Deutschland scheint sehr eng zu sein.
Kelvin: Ja das stimmt. Zwei meiner Geschwister tragen immerhin deutsche Vornamen. Meine ältere Schwester Sabine, und mein älterer Bruder mit dem Doppelnamen Edgar, Manfred.

Martin: Wie bist du nach Deutschland gekommen?
Kelvin: Nach dem Abitur in Benin hatte ich die Möglichkeit nach Kanada, Frankreich oder nach Deutschland zu gehen. Aus persönlichen Gründen – ich mochte und mag das Land, und das gute Bier (lacht) – habe ich mich für ein Studium in Deutschland entschieden, obwohl es damals wegen der (französischen) Sprache „angesagt war“ in Quebec / Kanada zu studieren. Noch heute habe ich viele Freunde dort.

Martin: Was treibt dich an, Teil meines Projektes zu werden?
Kelvin: Ich finde dein Projekt wichtig, und ich möchte gerne meine Geschichte erzählen. Ich möchte damit darstellen, dass nicht jeder, der sich um die deutsche Staatsbürgerschaft bemüht, sich nur auf deren Vorteile konzentriert.

Lass mich das ausführen: Ja, es ist ein Vorteil die deutsche Staatsbürgerschaft zu besitzen: Wenn man aus Benin kommt, dann benötigt man für jede Reise in ein anderes Land ein Visum. Dieses zu bekommen ist immer ein bürokratischer Aufwand, und es kam schon vor, dass das Visum zu spät ankam und ich deswegen z.B. einen Flug nach London verpasst habe. Die deutsche Staatsbürgerschaft zu bekommen war also dahingehend eines meiner Ziele. Ich habe diesen Schritt nicht aus „Hartz IV Gründen“ gemacht. Nein, ich hatte und habe ja einen guten Job  und es wäre sicherlich „auch so gegangen“.
Versteh mich nicht falsch, ich fühle mich sehr wohl hier in Deutschland, ich bin ein Teil der deutschen Gesellschaft, bin sehr gut integriert und verwurzelt- vielleicht mehr als einige die hier geboren sind – warum also nicht das gute Gefühl mit dem Praktischen verbinden?

Während meines Studiums in Deutschland habe ich im Studentenwohnheim gelebt. Studentenwohnheime haben den Charme, den Vorteil, dass sich dort viele Nationalitäten treffen. Wir waren jung, nachrichtengetrieben und wir wollten die Welt verbessern. Daher führten wir sehr viele Debatten über Politik und über Globalisierung. Oft haben wir darüber gesprochen, ob wir nach dem Studium wieder in unsere Herkunftsländer zurück gehen sollen oder nicht, ob wir die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen sollen oder nicht …

Zurückzugehen war für mich keine Option, auch wenn ich weiß, dass Benin sicherlich von meinem Wissen mehr profitiert hätte als Deutschland. Aber, ich bin ein freiheitsliebender Mensch, der sehr überzeugt von sich ist. Ich mag es nicht, wenn man mich zwingt etwas zu tun.
Während des Studiums habe ich dann Maria, meine jetzige Frau, kennengelernt, und ja, dann macht man halt seinen Weg.

Martin: Welche Erwartungshaltung hast du an mein Projekt?
Kelvin: Ich habe die Erwartung, dass dein Projekt und die erzählten Geschichten der Teilnehmer – damit also auch meine, eher unübliche,  Story – vielleicht einigen Menschen hilft. Menschen die verzweifelt, und aus welchem Grund auch immer auf dem Weg hierher sind. Ich möchte ein Beispiel geben, das es geht, sich in Deutschland gut zu integrieren und Teil der Gesellschaft zu werden. Ich bin nicht mit einem Doktortitel nach Deutschland gekommen, ich habe mir meinen Status mit meinen eigenen Händen erarbeitet.

Martin: Was verbindest du mit dem Begriff „Heimat“?
Kelvin: Das ist eine interessante Frage. Ich bin der Meinung, ein Mensch kann mehrere Heimaten im Laufe seines Lebens haben.
Meine aktuelle Heimat ist Karlsruhe und der Stadtteil in Cotonou, in dem ich aufgewachsen bin. Wenn ich dort bin – also in Cotonou – dann sind da die Gerüche, die mich an glückliche oder auch traurige Momente in meinem Leben erinnern. Wenn ich also zukünftig irgendwo anders leben sollte, und Karlsruhe besuchen würde, dann wäre das immer noch / auch eine Heimat für mich. Heimat ist also dort, wo man wichtige Teile seines Lebens verbracht und tiefe emotionale Bindungen aufgebaut hat. Ein Ort der das eigene Leben geprägt hat.

Martin: In einem kurzen Nebensatz hast du vorhin von Diskriminierung gesprochen. Was genau hast du damit gemeint?
Kelvin: (Überlegt lange) Bis heute habe ich da nur ein Bild im Kopf. Da habe ich mich richtig, richtig schlecht gefühlt und war echt angepisst.

Dieses Bild verfolgt mich bis heute: Vor vier Jahren wurde ich am Knie operiert und konnte in der Reha-Phase eine Zeit lang nur auf Krücken laufen. Damals habe ich im Stadtteil „Oststadt“ in Karlsruhe gewohnt. Dort gibt es auch einen kleinen Supermarkt, in dem ich quasi Stammkunde war, so dass mich eigentlich dort jeder kannte. Dort war ich also eine Kleinigkeit einkaufen. Vor dem Brotregal, neben der Fleischtheke, habe ich einen Moment länger gestanden und habe überlegt, ob ich gleich noch Brot kaufen sollte. Während des Überlegens hatte ich das Gefühl beobachten zu werden. Ich habe dann kein Brot gekauft, bin zur Kasse gegangen und habe bezahlt.
Kaum hatte ich – mit meinen Krücken – die Treppen vom Supermarkt hinter mir, kam der Schichtleiter des Supermarktes hinter mir hergelaufen und hat mich unfreundlich angesprochen: „Ah, Sie, warten Sie, sofort!“ Ich habe mich herumgedreht und mich gefragt, was los ist. Der Schichtleiter des Supermarktes fragte mich dann ob er meine Einkaufstasche kontrollieren könnte.
Offensichtlich war es so, dass der „stille Beobachter“ dem Schichtleiter gesteckt hat: „Der Schwarze da, der hat geklaut.“ Anstatt die Kassiererin zu fragen, ob ich bezahlt hätte, ist der Typ mir auf die Straße hinterhergerannt und wollte meine Tasche kontrollieren. Eine größere Erniedrigung, als zu behaupten, ich hätte geklaut, gibt es für mich nicht. Dieser Vorfall war zu Beginn der „Flüchtlingskrise“. Trotzdem muss man mich nicht in eine Schublade wegen meiner Hautfarbe stecken. Ich habe mich hinterher sehr, sehr schlecht gefühlt.

Zum Glück hat mir mein älterer Bruder vor vielen Jahren schon gesagt: „Kelvin, wenn du in diesem Land einkaufst, egal ob für einen Cent oder auch mehr, lass dir den Kassenzettel geben und nimm ihn mit. Dann kann dich keiner dumm anmachen und behaupten, du hättest etwas geklaut, weil du Schwarz bist.“
Dieser Rat meines Bruders hat nie meinen Kopf verlassen und ist dort gut abgespeichert.

Der Typ hat hinterher noch versucht sich zu entschuldigen, aber ich hatte so eine Wut im Bauch, dass ich diese Entschuldigung nicht angenommen habe.

Ein anderer Vorfall war auf dem Weg nach Bern, zu meiner heutigen Frau. Nach einer intensiven Arbeitswoche war ich müde und wollte einfach nur in Bern ankommen. An der Grenze muss man den Zug wechseln und es findet eine Kontrolle statt. „Natürlich“ wurde nur ich mit meiner kleinen Reisetasche kontrolliert. Also Kontrolle mit einem Hund und so. Da habe ich mich schon gefragt, was ich in meinem Leben bisher denn falsch gemacht habe. Schon damals hatte ich eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis. Trotzdem haben sie diese kontrolliert. Und du musst dabei noch ruhig bleiben, sonst lassen sie dich einfach länger warten.

Ansonsten habe ich eigentlich keine Diskriminierung erfahren oder gehört. Das liegt zum einen an meinem tollen Freundeskreis hier in Deutschland, den ich mir sehr genau ausgesucht habe. Und an meinen Kopfhörern die ich immer trage. Ich höre es also nicht, wenn jemand mich mit Worten diskriminieren würde.

Martin: Du hast gerade das Wort „Schwarz“ selbst in den Mund genommen. Auf dem Abschiedsfest der Karlsruher Wochen gegen Rassismus hatten wir ja eine rege und emotionale Diskussion über diesen Begriff, und ob dieser den politisch korrekt sei oder nicht.
Kelvin: Ja du hast recht, wir haben darüber diskutiert und ich habe mich gerade eben selbst als „Schwarzen“ bezeichnet. Ich wüsste gerade aber auch kein anderes Wort, das ich für mich selbst benutzen würde. Das wird schwierig für mich. Ob man nun dunkelhäutig sagt oder …

Martin: Was ist mit „People of color“?
Kelvin: Diese Bezeichnung mag ich gar nicht.

Martin: Warum?
Kelvin: „People of color“ … das ist ein Problem. Was ist den „Color“? Schon innerhalb meiner Familie wäre das mit farblichen Bezeichnungen schwierig. Meine Schwester und ich sind „heller“ meine Brüder sind „dunkler“. Wo ist da die Grenze? Bei „stark pigmentiert“? Prinzipiell finde ich es falsch, Gruppen von Menschen mit ihrer Hautfarbe zu bezeichnen. Die Bezeichnung „Weiß“ oder „Schwarz“ oder „Gelb“ empfinde ich einfach als falsch. Aber wenn man Menschen schon in Schubladen stecken muss, dann wäre mir eine Schublade mit einer Länderherkunft lieber. Also „Deutsche“ oder „Franzosen“ oder „Togolesen“. Dann sollte in der gesellschaftlichen Diskussion aber auch differenzieret, und nicht immer von „den Afrikanern“ gesprochen werden. Afrika besteht immerhin aus 54 Ländern. Mir wäre es aber lieber, wenn wir solche Bezeichnungen aus unserer Sprache herausnehmen würden.

Als ich das letzte Mal mit meiner Frau in Bayern, auf dem Land war – also da wo sie herkommt – hatte ich eine riesige Diskussion. Versteh mich nicht falsch, Bayern ist ein tolles Land, wo ich sehr gerne bin. Ihr Onkel hat dort ein Wirtshaus und wir waren dort auf eine Feier eingeladen. Dort war auch eine Clique, die sehr viel Wert auf bayrische Traditionen legt. Später am Abend, nach ein wenig Wein und Bier, habe ich mich zu der Clique gesetzt und wurde freundlich begrüßt. Einige kannten mich natürlich, andere wussten nur, dass ich mit Maria verheiratet bin.

Nach einigen Minuten wurde ich um die Beantwortung einer Frage gebeten, die ich bitte nicht persönlich nehmen sollte: „Ob ich ein Problem hätte, wenn man mich Neger nennt!
Nochmal … wo ist die Grenze mit der Farbe? Du beginnst bei „hoch Pigmentiert“ und endest bei „Neger“?
Ja natürlich!“ sagte ich, „Ich habe ein Problem damit!
Warum?“ „Naja, der Begriff hat einen echt negativen Touch für mich!„.
Also wolle man mir das dann erklären. Also das mit dem „Neger“.

Früher sei der Begriff doch überhaupt kein Problem gewesen. Ein Begriff, der doch auch von den Medien benutzt wurde.
Ja, mag sein.“ erwiderte ich. „Früher, als dein Opa das zu dir gesagt hat, war das vielleicht kein Problem. Aber heute ist dieser Begriff sehr wohl eines. Also geh doch weg damit! Heute ist das anders. Es gibt heute andere Regeln als früher.

Martin: Deine Frau und du, ihr seid ja wie meine Frau und ich ein „gemischtes Paar“. Habt ihr da schon negative Erfahrungen gemacht?
Kelvin: Ja. Nicht unbedingt in Deutschland. Eher wenn wir Urlaub, auch im europäischen Ausland machen und essen gehen. Die Rechnung bekommt immer meine Frau, nicht ich. Ich kann dir nicht sagen warum. Ich meine, ich bin immer gut angezogen und ich achte auf mein Äußeres. Das ist etwas was mich wirklich stört.
Das die Leute „doof kucken“, wenn sie uns zusammen sehen, das ist zwar traurig, aber wir haben uns daran gewöhnt.

Wir unterhalten uns oft darüber und wir denken, dass viele Menschen das Klischee vom „Schwarzen mit der dicken weißen Frau“ haben, der von ihr profitiert. Wenn diese Menschen dann uns sehen, die wir nicht in dieses Klischee passen, und dann auch noch erfahren das „sie“ Ingenieurin ist und „er“ Informatik studiert hat, dann mag das für diese Menschen überraschend sein.

Martin: Zur klassischen Frage in meinem Projekt. Was ist denn für dich typisch Deutsch?
Kelvin: (Lange Pause) Hm, interessante Frage. Meiner Meinung nach zeigt dir „der Deutsche“ im Vergleich zu „dem Franzosen“, ob er dich mag oder nicht. Er ist ehrlich. Das gefällt mir, damit kann ich umgehen.

Und: wenn du hier in Deutschland ein Ziel hast, dieses kontinuierlich und zielgerichtet verfolgst, dann erreichst du dieses Ziel auch. Die Bürokratie in Deutschland gibt dir einen verlässlichen Weg vor, den du einschlagen musst, um dein Ziel zu erreichen. Du musst dich nur viel selbst informieren, und schlau machen

Martin: Wenn du den aufkommenden Populismus in Deutschland, Europa und den USA betrachtest und einen Wunsch für die Zukunft frei hättest … was wäre das für ein Wunsch?
Kelvin: Ich komme aus einem armen Land. Durch das politische Interesse meiner Mutter und auch durch das Lesen vieler geopolitischer Bücher weiß ich, dass die „armen Länder“ so arm sind, weil es uns hier so gut geht. Das Leute wie Trump oder so anfangen „sich selbst zu schützen“ finde ich unfair und traurig. Diese Leute sollten öfter in den Spiegel sehen und versuchen aus der Geschichte zu lernen. Die Flüchtlinge fliehen nicht nach Italien, weil die Sonne dort besser ist als in Afrika. Diese Menschen fliehen, weil sie gar keine andere Wahl mehr haben aus ihrer Armut zu entkommen.

Wir haben heute die Möglichkeit mehr zu produzieren als wir benötigen. Warum kann man diese Möglichkeit nicht für das gemeinsame Wohl aller Menschen nutzen? Warum gibt es immer Minderheiten die immer mehr, mehr und noch mehr haben wollen? Für was?
Mauern werden keine Probleme lösen, sondern nur verschieben. Wenn Menschen in Massen fliehen, per Boot, zu Fuß oder wie auch immer, diese Menschen werden kommen.

Ich habe auch einen Appell durch dieses Interview: Was helfen würde ist, wenn die deutsche Bevölkerung – du bist mit deinem Projekt ein Teil einer Bewegung, von der ich immer geträumt habe – die Sache selbst in die Hand nehmen würde. Die Politiker werden das nicht ändern. Die Politiker werden immer nur Geschichten erzählen, so wie der Jäger, der vom erfolgreichen Jagen im Wald erzählt. Nicht aber von den Fehlschlägen oder den Problemen.

Die Politiker sind viel zu sehr in den Netzen der Lobbyisten gefangen, um etwas ändern zu wollen. Die Bevölkerung muss mehr über die echten Tatsachen offen informiert werden. Es ist leider heute noch immer so, dass nur „die Elite“ Bescheid weiß und die breite Masse der Bevölkerung nicht. Die Politik wird uns keine ehrliche Antwort liefern, da sie nur von Wahltermin zu Wahltermin denkt. Jeder von uns muss aktiv seinen Teil dazu beitragen, um die aktuellen Probleme lösen zu können.

Daher arbeite ich gerne in der IT. Das Internet wird viel zu diesem „Prozess von unten“ beitragen. Früher mussten wir monatelang auf Briefe aus meinem Dorf warten, wenn diese überhaupt angekommen sind. Heute schickt mir mein Papa, mein Onkel innerhalb von Sekunden ein Bild über WhatsApp.
Die richtige Information ist das alles Entscheidende. Ich sage immer, das Internet macht die schlauen Leute schlauer und die dummen Leute dümmer. Das ist leider so.

Auf Politiker zu warten, die sagen: „Mach ein Projekt wie Ich bin Deutsch.“ das wird nicht vorkommen. So ein Projekt muss von uns kommen, also von euch, als gebürtige Deutsche. Das kommt besser an, als wenn ich so ein Projekt anfangen würde. Nur so kann man Dinge ändern. Initiativen wie die deine müssen mehr werden, nur somit wird der Populismus von alleine wieder verschwinden.
Auch die Situation mit der AFD wird sich entspannen. Das sind Leute, Angeber, die irgendwie in der Politik schnell auf der Leiter nach oben kommen möchten und in anderen Parteien als in der AFD keine Chance dazu haben.

Martin: Kelvin, vielen Dank für deine Zeit und für die Teilnahme an meinem Projekt.

Der Beitrag Ich bin Deutsch – Sawsan Chebli erschien zuerst auf Ich bin Deutsch.

]]>
https://www.ich-bin-deutsch.land/ich-bin-deutsch-sawsan-chebli/feed/ 0
Karlsruher Wochen gegen Rassismus – Retrospektive https://www.ich-bin-deutsch.land/karlsruher-wochen-gegen-rassismus-retrospektive/ Sun, 28 Apr 2019 11:17:52 +0000 https://www.ich-bin-deutsch.land/?p=669

Der Beitrag Karlsruher Wochen gegen Rassismus – Retrospektive erschien zuerst auf Ich bin Deutsch.

]]>

Karlsruher Wochen gegen Rassismus 2019 – Retrospektive

Die 6. Karlsruher Wochen gegen Rassismus (KWgR) sind vorbei, und ich möchte meine Learnings und Erfahrungen in dieser Retrospektive zusammenfassen.

Da ich Teilnehmer und „offizieller Pressefotograf des Kulturamtes Karlsruhe“ war, werde ich beide Sichtweisen beleuchten.

Generell betrachtet sollte es viel mehr Veranstaltungen wie die KWgR in Karlsruhe, in jeder Stadt in Deutschland, Europa und der Welt geben. Und zwar jedes Jahr, und nicht nur alle zwei Jahre. Das Argument „der Haushalt wurde gekürzt“ hinkt: eine „positive Presse“ einer solchen Veranstaltung ist viel mehr wert, als die schwarze Null im Haushalt. Über die Monate gesehen, sind Schlagzeilen über rechte, rechtsradikale, antidiversitäre und flüchtlingsfeindliche Übergriffe viel schädlicher, als „ein wenig“ Geld und Ressourcen für eine solche Veranstaltung auszugeben. Ja, mag sein, dass die Stadt in ihrem Haushalt sparen muss, da es ja andere Prestigeprojekte gibt. Aber warum sponsort das Land oder der Bund so eine Veranstaltung nicht (mehr)?
Die Aussage „Wir schaffen das“ hört nicht mit der Aussprache dieser geflügelten Worte auf. Da müssen Taten und finanzielle Mittel fließen, und sich nicht nur auf das Engagement Einzelner verlassen werden.

Ein sehr prägendes und leider nicht so schönes Erlebnis musste ich auf der Abschlußveranstaltung – dem Vielfaltfest – miterleben: 
Die Veranstaltung wurde von „Yakagnambé“ eröffnet, einer Schülerperkussionsgruppe aus verschiedenen Karlsruher Schulen. 
Die Vorführung war klasse, das Tollhaus gut gefüllt … bis ungefähr 10 Minuten danach.
Was war geschehen?
Ganz einfach: Kinder und Eltern hatten „ihre“ Vorführung und sind danach nach Hause gegangen. 

Liebe Eltern: was vermittelt ihr denn euren Kindern denn für Werte? 
„Euer“ Kind hat „seine“ Veranstaltung über die Bühne gebracht, man hat damit seine Schuldigkeit gegenüber dem Thema der KWgR getan und kann danach sofort wieder zur Tagesordnung zurückkehren. Was ist denn mit einem „Miteinander“ einem „danach Andere kennenlernen und sich austauschen“? 

Da eine kritische Auseinandersetzung immer wichtig ist, und nur daraus etwas gelernt werden kann habe ich mit kritischen Worten begonnen.

Die KWgR war eine tolle und auch wichtige Veranstaltung der Stadt Karlsruhe die, aus meiner Sicht, Brücken gebaut und Menschen zusammengebracht hat und ich nehme viele, sehr positive Eindrücke, neue Denkweisen und Ideen für mich mit. 

Die KWgR 2019 aus meiner Teilnehmersicht

Was soll ich sagen: die Erfahrung, mein Projekt als Speaker im Ständehaussaal vortragen zu dürfen war eine erhebende und zugleich auch eine sehr herausfordernde. Klar war, ich würde „Erfahrungen“ aus  Vorträgen über WordPress, Web- oder Servertechnik mitbringen. Und doch hatte ich einen Heidenrespekt vor meinem Vortrag über mein gesellschaftspolitisches Projekt vor einem „nichttechnischen“, vielleicht intellektuellen und mir weitgehend unbekanntem Publikum.

Meine Nervosität ware in den ersten Minuten greifbar. Diese Anspannung hat sich dann aber recht schnell gelegt, und am Ende meines Vortrages war da dieses erhebende, und latentes Gefühl des „ich habe es ganz gut geschafft und meine Botschaft gut rübergebracht“. 
Das Einbinden von Kurzvorträgen von Mirja, Senad und Zolana hat meinen Vortrag in Summe  zusätzlich aufgelockert und ich konnte die Pausen gut zum Runterkommen nutzen.

Das Feedback, nicht nur direkt nach meinem Vortrag, sondern auch noch Tage und Wochen danach war durchweg sehr positiv und hat mich ehrlicherweise überrascht, da meine Eigenwahrnehmung nicht ganz so positiv war.

Tell the long story short: an diesem Abend habe ich direkt gespürt, dass ich mit meinem Projekt „Ich bin Deutsch!“ Menschen erreichen, und sie zum Nachdenken bringen kann. Ich habe gespürt, ass es sich lohnt für seine Sache aufzustehen und darüber zu sprechen. Nicht nur der Sache wegen. Sondern um zu zeigen, dass es in einer Demokratie wichtig und notwendig ist, sich auch ausserhalb von Parteien, Vereinen, Verbänden gesellschaftspolitisch zu engagieren und Menschen zusammenzubringen. 

Das haben wohl auch die Organisatoren der KWgR so gesehen: schon direkt nach meinem Vortrag wurde ich gefragt, ob ich auf der Abschlussveranstaltung mit einem reduzierten Vortrag nochmals 5 Minuten über mein Projekt sprechen wolle. Ja, ich wollte 🙂

An dieser Stelle findet der geneigte Leser die Vortragstexte von Mirja, Senad, Zolana und mir als PDF.

Die KWgR 2019 aus einer generellen und auch speziellen „Presse-Fotografensicht“

Das „Presse-Fotografen-Leben“ ist echt anstrengend und ich bin froh, dass ich damit nicht meine Brötchen verdienen muss. Die zwei Wochen „Ausflug“ haben zwar Spaß gemacht und das sehr positive Feedback darüber, dass meine Bilder „im positiven Sinne anders“ seien, hat mich in meiner Meinung bestärkt, fotografisch auf dem richtigen Weg zu sein.

Wo Licht ist, ist immer auch Schatten: nach zwei Wochen der Doppelbelastung – 8 – 10 Stunden im IT-Hauptjob und abendlichem Fotografieren und „abendlichem abliefern“ von Bildern für Social-Media – war ich echt bedient und der Urlaub danach war mehr als notwendig.

Trotzdem war es wichtig, diese Erfahrung gemacht zu haben. Es war und ist eine sehr gute Idee, die Fotografie „nur“ als Nebenjob auszuführen. So bewahre ich mir den Spaß an der Fotografie, da ich „will“ und nicht „muss“. Dieses Wollen hat sich positiv auf die Motiv- und Bildsprache ausgewirkt.

Meine ganz persönlichen fotografischen Höhepunkte habe ich hier (und auch auf meinem privaten Fotoblog) bereit gestellt:

 

Der Beitrag Ich bin Deutsch – Sawsan Chebli erschien zuerst auf Ich bin Deutsch.

]]>
https://www.ich-bin-deutsch.land/ich-bin-deutsch-sawsan-chebli/feed/ 0
Ich bin Deutsch! – Mirja https://www.ich-bin-deutsch.land/ich-bin-deutsch-mirja/ Sun, 17 Mar 2019 14:05:05 +0000 https://www.ich-bin-deutsch.land/?p=628 Mirja-BB

Der Beitrag Ich bin Deutsch! – Mirja erschien zuerst auf Ich bin Deutsch.

]]>

Ich bin Deutsch! – Mirja

Das Gespräch mit Mirja habe ich bei ihr Zuhause geführt.
Da die Familiengeschichte von Mirja Kon-Thederan eine sehr faszinierende ist, möchte ich ihr gerne mehr Platz lassen.

Mirja hat polnische, deutsche und britische Wurzeln. Ihre Großeltern väterlicherseits stammen aus Polen, mütterlicherseits stammt die Familie aus Thüringen.

Mirjas polnischer Großvater war studierter Textilingenieur und Inhaber einer Jutefabrik in Tschenstochau. Ihre polnische Großmutter war auf einem Gutshof aufgewachsen und hatte eine Handelsschule besucht. Sie war eine kluge und sehr lebenspraktische Frau. Das Gespür, dass es Krieg geben würde und man aus dem nahe bei Krakau liegenden Tschenstochau – dem damaligen Wohnort und Geburtsort von beiden – weg musste, hatte sie daher schon früh. Deshalb floh sie mit ihrem kleinen Baby, Mirjas Vater, der im Juli 1939 in Krakau geboren worden war, schon vor dem Kriegsausbruch am 1. September 1939 Richtung Osten – trotz des schrecklichen Polenhasses von Stalin – und nicht in den Westen in Richtung von Hitler und den Deutschen. Dies schien insbesondere deshalb die bessere Wahl, da die Familie zwar nicht den jüdischen Glauben praktizierte, aber gemäß dem jüdischen Religionsgesetz Halacha, das regelt, dass sich das Jüdischsein nach der Mutter richtet, und auch nach Hitlers rassistischer Ideologie als jüdisch galt. Damit war sie den Nazis als jüdisch bzw. nicht-arisch identifizierbar und potentiell der Vernichtung geweiht. Mirjas Großvater hatte da noch nicht fliehen wollen, da er nicht glaubte, dass ein Krieg bevorstand – oder weil er dies als Reservist der polnischen Armee nicht konnte. Erst später fand sich die Familie im russisch besetzten ostpolnischen Lemberg wieder. Von dort wurden sie dann im Juni 1940 per Zug in ein Zwangsarbeitslager beim westrussischen Joschkar-Ola (ca. 750 km östlich von Moskau) deportiert, wo Mirjas Großvater Bäume für Stalin fällen musste.

Als Stalin nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 aus polnischen Gefangenen der GULAGs die sogenannte „Anders-Armee“ aufstellte, wurde Mirjas Großvater mit seiner Familie freigelassen und in diese Armee eingezogen und musste deswegen in einer mühsamen Tour nach Süden ziehen. Auf diesem Treck erkrankte Mirjas Vater an einer schweren Diphterie, durch die er erblindete und fast ertaubte. Über eine Zwischenstation in Taschkent kam die Familie dann ans Kaspische Meer, wo Mirjas Großvater endlich zur Armee stieß. Diese war von Stalin zwischenzeitlich an die Engländer abgetreten worden und wurde deshalb über das Kaspische Meer und den Iran in den Nahen Osten gebracht und dort sowie später in Italien militärisch eingesetzt. Mirjas Großmutter blieb mit ihrem Sohn im Iran und dann in einem Flüchtlingslager in Karatschi im damaligen englischen Indien. Von dort wurden sie mit einem Teil der anderen jüdischen Flüchtlinge nach einiger Zeit mit dem Schiff nach Palästina (damals britisches Mandatsgebiet) gebracht.

Als Teil der britischen Armee kam Mirjas Großvater vor Kriegsende nach England. Deshalb konnten Frau und Kind noch kurz vor Kriegsende über Glasgow ebenfalls nach England kommen. Nach der Demobilisierung der britischen Armee sind sie dann zusammen in London sesshaft geworden und wurden 1950 britische Staatsbürger.

Die komplette engere Familie, die im deutsch besetzten Westpolen verblieben war, wurde dort von den Nazis ermordet. Die restlichen engeren Familienmitglieder, die wie Mirjas Großeltern zuerst nach Osten geflohen waren, wurden nach dem Überfall auf Russland von deutschen Truppen ein- und überholt und ebenfalls ermordet oder kamen auf andere Weise ums Leben. Mirjas Großmutter hat bis zu ihrem Tod 2011 gehofft, mehr „Spuren“ ihrer Lieblingsschwester zu finden.

Mirjas Vater genoss in Großbritannien eine ausgezeichnete schulische und universitäre Ausbildung. Wegen seiner Behinderung besuchte er von Kindheit an verschiedene Internate. Dann studierte er zunächst an der Universität Oxford Jura und anschließend am Spurgeons College (einer Hochschule in London) Theologie, nachdem er sich als Baptist zum Christentum bekannt hatte. Nach einem Studienaufenthalt in den USA schrieb er sich an der Universität Zürich ein und lernte dort Mirjas Mutter kennen. Diese stammte aus Norddeutschland und studierte dort auch Theologie. Die beiden heirateten und gingen zunächst nach England zurück, da sie sich dort für ihn bessere Berufsaussichten versprachen. Aus „Heimweh“ zur Schweiz wollte Mirjas Vater allerdings bald zurück. Da eine Niederlassung in die Schweiz jedoch nicht möglich war, zogen die beiden mit der 1980 in London geborenen und inzwischen zweijährigen Mirja möglichst nah an die Schweizer Grenze an den Hochrhein – und dies, obwohl er aufgrund seiner Familiengeschichte verständlicherweise Vorbehalte hatte gegen „alles Deutsche“. Spürbar war das auch an seinem Widerwillen, seine Kriegsopferentschädigungsrente anzunehmen, die er zum Glück erhält. Er tat sich viele Jahre schwer damit, das ihm zustehende Blindengeld überhaupt zu beantragen. Er wollte nie deutscher Staatsbürger werden und ist es bis heute nicht. Aber – inzwischen – fühlt er sich für seine Verhältnisse hier geradezu „zu Hause“.

Durch ihren britischen Vater hat Mirja eine doppelte Staatsbürgerschaft, und selbst ihre Kinder haben diese durch Geburt automatisch bekommen. Die biografischen Brüche im Leben  ihrer Eltern haben auch bei ihr hinsichtlich ihrer Identität und des Gefühls der Beheimatung tiefe Spuren hinterlassen. Sie lebt mit kleinen Unterbrechungen seit 2003 in Karlsruhe, und erst seit einigen wenigen Jahren fühlt sie sich hier zum ersten Mal in ihrem Leben irgendwo „zu Hause“ und angekommen. Ihr Engagement in der ‚AG Garten der Religionen‘ hat maßgeblich dazu beigetragen.

Martin: Mirja, Ihr Name ist ja sehr ungewöhnlich und kann finnischer oder auch hebräischer Herkunft sein. Was bedeutet ‚Mirja‘ und was hat Ihre Eltern zu dieser Namenswahl bewogen?

Mirja: Meine Eltern wollten einen seltenen, besonderen, für sie wohlklingenden Namen im besten Sinne für mich haben. Meine Eltern haben sich bei der Namenswahl auf die finnische Herkunft mit der Bedeutung „Stern“ bezogen. Der Name bedeutet auch, wie der Pfarrer bei meiner Konfirmation sagte, „die Widerspenstige, die Unbezähmbare“. Diese Wahl fand ich in meiner Kindheit und frühen Jugend nicht ganz so toll. Auch wusste ich nicht so recht, ob die Bedeutung nun gut oder schlecht für mich ist (*lacht). Ich glaube, ich kann beidem etwas abgewinnen. Für mich ist Mirja inzwischen ein schöner Name, abgeleitet vom hebräischen Namen Miriam, was ja wiederum eine Form des Namens Maria ist und damit für alle abrahamitischen Religionen eine besondere Bedeutung hat.

Martin: Haben Sie denn in Bezug auf Ihren Namen schon negative Erfahrungen machen müssen, zum Beispiel wegen des jüdischen Anklangs?

Mirja: In der Schule bin ich mit meinen Vornamen und meinem Nachnamen schon aufgefallen. Heutzutage sind ungewöhnliche Namen wohl gängiger als früher. Vor allem in Verbindung mit meinem gälischen Zweit- und ungewöhnlichen Nachnamen, der dazuhin auch noch ein Doppelname ist. Das war einfach nicht üblich. Nicht wegen „jüdisch“, sondern wegen „auffällig“ und entsprechenden schlechten Erfahrungen war ich unzufrieden: „Wie schreibt man das?“, „Wie spricht man das aus?“ Und wirklich andauernd wurde automatisch ein zusätzliches „m“ als letzter Buchstabe an meinem Namen angefügt usw. Das war schon unangenehm und ich fühlte mich verunsichert und ausgegrenzt. Ich hätte lieber „Jenny“ oder „Jennifer“ oder was weiß ich wie geheißen. Ausgrenzung aus antisemitischen Motiven, das ist mir als Kind nicht passiert, später aber hin und wieder. Dies dann aber im Zusammenhang mit meinem Nachnamen-Bestandteil „Kon“, was eine andere Schreibweise des klar jüdischen Namens Cohen ist. Antisemitisch „tickende“ Menschen wissen sehr wohl um dessen Bedeutung.

Martin: Was bedeutet denn „Kon“ oder „Cohen“?
Mirja: „Kon“ oder „Cohen“ ist ein sehr weit verbreiteter Name. Er benennt, kurz erklärt, die „Kohanim“. Diese sind eine besondere Gruppe (ca. 10 Prozent) innerhalb des Judentums, welches historisch und potentiell zukünftig eine wichtige tempeldienstliche Funktion innehält und deshalb besonders zu ritueller Reinheit verpflichtet ist. Mein Vater heißt Kon und ist, wie schon gesagt, gemäß jüdischer Überlieferung ein säkularer Jude – auch wenn er baptistischer Theologe ist und eine christliche Frau (und dazu eine Deutsche!) geheiratet hat.

Martin: In welchem Glauben sind Sie denn als Kind eines säkular-jüdischen Umfeldes in England erzogen worden, wenn Sie heute Buddhistin sind?
Mirja: Ich bin im christlichen Glauben erzogen worden. Meine Eltern waren bzw. sind beide christliche Theologen. Meine Mutter gehört zur evangelischen Amtskirche, mein Vater ist wie gesagt Baptist. Auch wenn beide ihren Glauben wirklich leben, wurde ich nicht so gläubig erzogen, wie man sich das vielleicht vorstellen würde. Ich kannte viele Pfarrer und andere Theologen. Viele Freunde meiner Eltern waren Theologen, auch meine Pateneltern. In diesem „Dunstkreis“ bin ich aufgewachsen, mal mehr und mal weniger gläubig. Ich fand den Glauben meiner Eltern toll. Ich fand toll, dass sie beten konnten. Das wollte ich auch können: so mit Gott reden. Das hat aber nie richtig geklappt. Das war eher so ein Auf und Ab mit dem Glauben, den ich immer mal – auch philosophisch – gesucht und auch mal wieder nicht gesucht habe. Trotzdem habe ich mich dann später, kurz vor der Konfirmation, doch taufen lassen. Für meinen Vater als Baptist kam nur eine selbst gewählte Erwachsenentaufe in Frage, obwohl ich eine Kindstaufe eigentlich besser gefunden hätte. Für mich bedeutet Taufe Segnung und die Gewissheit, dass man wie der biblische „verlorene Sohn“ eine Zuflucht hat, zu der man absolut immer zurückkehren kann. Ich bin früh, mit Siebzehn, ausgezogen und bin dann irgendwann einer Buddhistin begegnet. Dann ging das eigentlich ganz schnell: sie konnte mir beibringen zu beten, obwohl ich zunächst „nur“ Entspannungsmeditation lernen wollte. So bin ich Buddhistin geworden und geblieben – und zwar eine sehr engagierte und theologisch „tiefe“ Buddhistin!

Martin: Durch Ihren buddhistischen Glauben sind Sie zu der ‚Arbeitsgemeinschaft Garten der Religionen für Karlsruhe e.V.‘ gekommen?
Mirja: Ja. Ich war nicht ganz von Anfang an dabei, aber schon sehr früh. Ich wurde von meiner buddhistischen Glaubensgemeinschaft, dem Menlha-Zentrum für Buddhismus (ich werde sie nachfolgend Zentrum nennen), quasi entsandt, als uns die Anfrage der damals eher lockeren Gruppe erreichte, die die Idee des ‚Gartens der Religionen‘ verfolgte, ob wir dabei nicht als eine Vertreterin des Buddhismus mitwirken möchten. Schon damals war mir interreligiöse Kompetenz sehr ans Herz gewachsen, denn viele der Besucher eines buddhistischen Zentrums im Westen sind keine Buddhisten. Daher stellte sich für mich früh die Frage, wie ich mit interessierten Menschen ins Gespräch komme, um ihnen meinen Glauben zu erklären – und zwar so, dass es die Dialogpartner auch erreicht und ihnen auch etwas bringt. Denn: Wie erkläre ich anderen Menschen, die nicht konvertieren wollen und die ich auch gar nicht missionieren möchte, meinen Glauben, ohne dass ich diesen verforme oder ihm die Tiefe nehme? Wie vermittle ich diesen Menschen, wie sie – als einen Vorschlag (!) aus buddhistischer Sicht – ihren Teil zum Frieden in ihrem Alltag, ihrem Kontext und gesellschaftspolitisch beitragen können? Das hat mich schon innerhalb meines Zentrums immer umgetrieben. Und so war klar, dass ich diejenige sein würde, die von uns zur ‚Arbeitsgemeinschaft Garten der Religionen‘ dazu stoßen sollte.

Martin: Der ‚Garten der Religionen‘ beinhaltet ja nun ein breites Spektrum an Religionen. Kommt es mit Besuchern zu interreligiösen oder rassistischen Konflikten? Gab es Schmierereien oder Vandalismus in dieser öffentlichen und frei zugänglichen Gartenanlage?
Mirja: Naja, auf Podiumsdiskussionen gibt es schon ab und zu Stimmen, die sagen: „Ihr da oben mit euren ganzen Religionen, ihr sitzt da oben so harmonisch. Das kann so nicht sein. Ihr wollt uns irgendetwas Verdächtiges, Religiöses verkaufen. Oder missioniert ihr nicht doch?“ Damit wird uns suggeriert, dass da „irgendetwas nicht stimmen kann“.
Unsere Antwort lautet dann immer: „Das, was ihr hier jetzt seht, ist echt – aber es ist auch das Ergebnis von langen und intensiven Begegnungen, Gesprächen und des Kennenlernens.“
Denn nicht die Religionen selbst führen einen Dialog und agieren gut oder schlecht miteinander, sondern die Menschen, die diese Religionen leben oder eben auch nicht leben.
Was das breite Spektrum betrifft, gibt es auch familiäre „Verquickungen“ wie zum Beispiel mich und meinen Mann. Ich bin Buddhistin, er nicht. Er ist religionslos. Dennoch engagiert auch er sich im und für den ‚Garten der Religionen‘ und anderen interreligiösen Kontexten. Sogar schon länger als ich, da er davon überzeugt ist, dass der Dialog zwischen den Religionen und über religiöse Diversität enorm wichtig ist und wirkungsvoll zum gesellschaftlichen Frieden beiträgt. Mit dieser „Mischehe“ habe ich mich übrigens selbst etwas überrascht.
Oder: Wir haben eine gute Freundin, Hafza. Sie ist Muslima und passt öfter auf unsere Kinder auf. Dasselbe gilt für Freunde, die als Muslime einer der Karlsruher Moschee-Gemeinden angehören. Da gibt es schon immer mal wieder Stimmen aus meinem Umfeld, die mich besorgt fragen, ob ich denn keine Angst hätte, dass „diese Menschen“ unsere Kinder missionieren würden. Für mich und meinen Mann stellen sich solche Fragen aber gar nicht erst, denn wir wissen unsere Kinder dort in besten Händen. Vor was soll ich da Angst haben? Ich kenne die Menschen dort. Im Zweifel spreche ich mit meinen Kindern und mit ihnen. Ich finde es gut, dass meine Kinder gläubigen Menschen aus verschiedenen Religionen begegnen, denen ich ihren Glauben „abnehme“ und die gewisse Werte verkörpern und nach meiner Wahrnehmung auch leben.
All dies sind „gewachsene Früchte“ aus der Arbeit im und um den ‚Garten der Religionen‘. Die ihn tragende AG befasst sich über das inzwischen ebenfalls gewachsene Jahresprogramm mit allerlei Begegnungs- und Informationsveranstaltungen, Führungen usw. hinaus zunehmend damit, die Interessen und Anliegen religiöser Menschen in aktuelle religions- und integrationspolitische Debatten in Karlsruhe einzubringen. Denn man merkt dabei doch, dass die Frage von `überzeugt religiös‘ und ‚leidenschaftlich nicht-religiös‘ durchaus keine Frage wie viele andere ist, sondern tief mit der Identität und dem Selbstverständnis des jeweiligen Akteurs zu tun hat und dementsprechend aufgeladen sein kann.

Gerade deshalb versuchen wir uns darin zu üben und dies auch anderen weiterzugeben, wie –  in der Praxis – ein nicht zu weit, aber auch nicht zu eng gesteckter Toleranzbegriff innerhalb unserer demokratischen Grundordnung funktionieren kann.
Aber ich schweife von der Frage ab (*lacht).
Nein, erstaunlicherweise gab es bisher keine bleibenden Verunstaltungen oder Vandalismus im ‚Garten der Religionen‘. Zwar gab es schon ein paar kleinere Schmierereien auf dem ein oder anderen baulichen Teil, aber nichts, was ich nicht mit „Hausfrauenmitteln“ hätte wieder entfernen können – und auch nichts, was ganz augenscheinlich auf eine besondere und gezielte Aktion gegen die Anlage oder die dahinterstehende Idee schließen ließ. Nur einmal hatte man Teile des ‚Gartens der Religionen‘, wahrscheinlich mit Hilfe von Briketts, schwarz angemalt und die Stadt musste das säubern.

Meine Erklärung für dieses doch positive Fazit ist, dass „man“ dem ‚Garten der Religionen` anzumerken und abzuspüren scheint, dass da wirklich Menschen am Werk waren und sind, die vielleicht anders sind als man selbst, die sich aber sehr lange und viele Gedanken gemacht haben und viel Herzblut in diesen Ort gesteckt haben. Das strahlt der Ort meiner Meinung nach aus – und ein gewisser Respekt, eine gewisse Wertschätzung vor oder gegenüber diesem Bauwerk scheint deshalb irgendwie zu funktionieren. Und durch die wunderbare Einbettung in den Citypark und den neuen Stadtteil Südstadt-Ost gibt es natürlich auch ein gewisses Maß an „sozialer Kontrolle“ und ein Engagement von Menschen aus der unmittelbaren Nachbarschaft bis hin dazu, dass augenscheinlich einige Anwohner immer wieder Müll aufsammeln. Mein Wunsch ist, dass dieser Ort die Grundüberzeugung seiner Macherinnen und Macher so stark ausstrahlt – nämlich, dass trotz aller Widrigkeiten und Grenzen alle Menschen so viel mehr eint als trennt – , dass ihn dies dauerhaft beschützt und zu einem für viele Menschen besonderen Ort macht. Und unsere vielen Begegnungen und Gespräche in dieser Anlage und das große Interesse an ihm lässt mich hoffen, dass dies auch tatsächlich so ist und auch so bleiben wird.

Sehr wohl gibt es die Vorwürfe der Scheinheiligkeit oder der Lippenbekenntnisse gegenüber uns und den einzelnen Religionen, wie ich es beim Beispiel mit den Podiumsdiskussionen erwähnt habe. Darüber kann man oftmals sinnvoll diskutieren, aber wenn jemand statt an einem Dialog lediglich an seinem eigenen festgefahrenen Standpunkt interessiert ist, dann bringen Diskussionen nichts. Es ist schwer auszuhalten, wenn dieser Standpunkt Verletzendes bis hin zu Menschenverachtendem beinhaltet.
Manchmal ist es aber doch sinnvoll, darüber zu sprechen, was es mit einem macht, wenn man solchen Vorwürfen ausgesetzt wird. Denn es ist schon heftig, wenn man sich in Bezug auf seinen Glauben auf angebliche Lippenbekenntnisse oder gar eine verborgene feindliche Agenda reduzieren lassen muss. Das ist eine wirklich verletzende Handlung –  unter Umständen sehr diskriminierend, feindlich oder auch rassistisch im Sinne von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit.

Von einem wirklich islamfeindlichen Pärchen, das immer wieder im ‚Garten der Religionen‘ auftaucht und andere Besucher in Diskussionen verstrickt, wurden wir zum Beispiel schon ernsthaft aber verbal agressiv gefragt, warum denn im den Islam repräsentierenden Teil der Anlage nicht eine  „abgehackte Hand“ als Symbol für den Islam abgebildet sei. (Anmerkung: das Abhacken der Hand ist in der Scharia als Strafe für das Delikt des Straßenraubes vorgesehen). Und wir im ‚Garten der Religionen` engagierten Menschen aller Religionen seien doch alles nur Islamisten oder aber Handlanger von Islamisten. Und ein (nach eigener Aussage als Religionslehrer unterrichtender!) Mann schlug uns am Rande eines Workshops zur Fortschreibung des Karlsruher Integrationsplans allen Ernstes vor, beim ‚Garten der Religonen‘ noch einen Platz für die Witwenverbrennungen der Hindus und ein Steinigungsfeld für die Muslime einzurichten…

So etwas tut weh – und so etwas tut uns unrecht. Denn die einzelnen „Religionskreise“ des  ‚Gartens der Religionen‘ werden ganz bewusst „umarmt“ von einem alle Menschen verbindenden Außenkreis, in dem auch drei Stelen stehen, welche Auszüge aus den Grund- und Menschenrechten abbilden. Dies soll für uns symbolisch den Konsenz aller Akteure in der ‚AG Garten der Religionen für Karlsruhe e.V.‘ ausdrücken, nämlich dass diese Grund- und Menschenrechte selbstverständlich die Grenzen der (positiven wie negativen) Religionsfreiheit bilden.

Aber wir wollen ehrlich sein: Dieses Primat der Menschenrechte vor den Gesetzen und Traditionen der Religionen und Kulturen können wir nur für uns selbst garantieren – aber dies gilt ja auch für jede andere tatsächliche oder zugeschriebene „Gruppe“.

Da wir nicht die ganze „Weltgemeinschaft“ der Christen, Muslime, Buddhisten usw. oder auch nur deren überregionale Organisationen insgesamt vertreten und diese auch nicht  beeinflussen können, können wir natürlich diese Maßstäbe nur im Bezug auf unsere direkten Mitglieder und Mitakteure wirklich „überwachen“ und im direkten Umgang miteinander und gegenüber der „Außenwelt“ als Ausschlußkriterien anlegen. Darauf weisen wir in unserer Arbeit regelmäßig hin – und wir beteiligen uns an der Benennung von Missständen im Umgang innerhalb der Religionen und zwischen den Religionen und bei der Benennung von Verbrechen von tatsächlich oder vermeintlich religiös legitimierten Gewalttaten wie Attentaten oder der Vertreibung der Rohingyas. Für unser lokales Miteinander wäre es kontraproduktiv, wenn wir im Umgang miteinander oder im Dialog mit der Gesellschaft vor allem daran gemessen werden, was außerhalb unserer persönlichen Möglichkeiten des Wirkens liegt – so wie derartige „Kollektivhaftung“ auch in anderen Kontexten den Dialog und das Miteinander erschwert. Das entbindet uns aber nicht von unserer Verpflichtung (und auch unserer – auch religiös motivierten – Überzeugung), dass wir mit aller Kraft für dieses Primat der Grund- und Menschenrechte wirken.

Martin: Hat der Einzug der AfD in den Bundestag solche Diskurse verschärft?
Mirja: Das würde ich so weder bejahen noch verneinen können. Aber was mir auffällt ist, dass die unterschwellige Angst der Menschen allgemein – aber auch der Menschen, die offen sind für Toleranz, Integration oder Menschlichkeit im weitesten Sinne – größer geworden ist. Die unterschwellige Angst, die manchmal auch explizite Frage „wie können wir denn unterscheiden, wer die bösen und gefährlichen religiösen Gruppen sind und wer nicht?“, scheint mir zugenommen zu haben. Insofern gibt es schon vermehrt Anfragen an uns. Auch erreichen uns Anfragen, ob wir keinen Vortrag über „gute und böse religiöse Gruppen“ halten können. Das sehe ich sehr ambivalent: Auf der einen Seite ist es ein Vertrauensbeweis gegenüber der ‚AG Garten der Religionen‘ und auch gegenüber mir und meiner Funktion als Vorsitzenden. Das ist das erfreuliche daran, dass die Leute fragen. Das Traurige dabei ist diese Ängstlichkeit. Meine Antwort darauf lautet dabei immer „Nein“. Denn wir sind keine Art ‚Verfassungsschutz‘ und auch keine Art ‚Weltanschauungsbeauftragte‘ – und können das auch nicht sein!
Was ich dann aber immer anbiete: Ich kann erläutern, wie ich persönlich oder wie die ‚AG Garten der Religionen‘ versucht, immer wieder auf fremde Menschen oder befremdliches Verhalten – sei es religiös oder nicht – zuzugehen und zu lernen. Also eine Art „menschliche Kompetenz“ zu entwickeln und zu erkennen, wie eng oder weit die Toleranz gegenüber anderen Menschen oder auch anderen, fremden Gebräuchen, Ritualen oder Religionen gesteckt sein muss, um als Menschen miteinander oder auch gesellschaftlich zu funktionieren. Es gibt sogar eine wissenschaftliche Theorie dazu: die Ambiguitätstoleranz.
Dann kann man darüber gerne einen Vortrag gestalten, um genau das zu erklären. Dieses Bedürfnis ist deutlich gestiegen. Vermutlich nicht bei denen, die die AfD wählen, die kommen wohl eher nicht. Aber wenn doch … und dazu dialogbereit, dann wunderbar. In dem Kontext rede ich dann auch gerne mit diesen Menschen über ihre Befürchtungen, die auf jeden Fall ernst genommen werden sollten. Denn mit den Menschen, die kommen,  fragen und diskutieren, müssen und wollen wir uns einfach zusammen weiterentwickeln.

In diesem Rahmen entspinnen sich dann auch oft Gespräche über Integration in praktischer Hinsicht. Man sitzt dabei – so glaube ich – oft dem Irrtum auf, Integration würde bedeuten, dass diejenigen, die integriert werden wollen, müssen oder sollen, dass diese Menschen „irgendwie“ „irgendwas“ werden müssen. Ich frage mich dann immer „irgendwie was?“ Wie irgendein Prototyp eines „Bio-Deutschen“? Nach meiner Wahrnehmung spricht man in Deutschland oft von „Integration“, obwohl man „Assimilation“ meint. Und das wissen und spüren auch diejenigen, von denen das gefordert wird. Und: Integration soll, ja muss, ein gemeinsamer Prozess unserer neuen Gesellschaft sein, um gelingen zu können.

Da fällt mir jetzt gerade während unseres Gespräches auf: Ich bin ja perfekt „integriert“, in erster Linie Deutsche und eigentlich nichts anderes. Trotzdem habe ich per Definition einen Migrationshintergrund, der aber dem „allgemeinen Bild eines Migrationshintergrundes“ gar nicht entspricht. Und selbst meine Kinder mit einem Mann ganz ohne Migrationshintergrund  haben dieses ja in unserem Fall rein statistische „Label“. Verstehen Sie mich dabei nicht falsch – ich finde es grundsätzlich gut, dass es statistische Daten gibt, die unsere veränderte Gesellschaft auch abbilden und damit auch Instrumente für Gesellschaft und Politik sein können. Gerade im Vorfeld der Karlsruher Wochen gegen Rassismus muss aber auch gesagt werden: Eigentlich haben wir als Gesellschaft kein Problem mit Migrationshintergründen – sondern mit Migrationsvordergründen, sprich mit rassistischen Schubladen und Denkstrukturen, die Menschen mit und ohne Migrationshintergrund in die Kategorien „wir“ und „ihr“ einteilt und dabei nicht auf „einheimisch“ oder „nicht-einheimisch“ schaut, sondern diese in „weiß“ (= zu „uns“ passend) und „schwarz“ (= fremd und poteniell nie ganz dazugehörig) kategorisiert.

Martin: An dieser Stelle möchte ich, wie immer in meinen Interviews, die Frage stellen, was denn für Sie typisch Deutsch ist.
Mirja: Ohje (*lacht). Das fragen Sie mich? Keine Ahnung. Ok, ich versuche es mal. Ich fühle mich in Großbritannien sehr wohl, vielleicht wirklich durch die Geburt. Was dort bei mir als „typisch Deutsch“ wahrgenommen wurde ist folgendes: Ich sollte einmal in einem britischen buddhistischen Zentrum die dortige Gemeinschaftsküche sauber machen. Danach wurde dann ganz schnell gesagt: „Mein Gott ist das gut geputzt, typisch deutsch. Das ist Wahnsinn, so akkurat und ordentlich und so geplant.“. Sicherlich ist nicht jeder Deutsche so, aber im Allgemeinen legt man in Deutschland schon großen Wert auf Akkuratesse und Ordentlichkeit. Das wurde anderswo immer mit viel Humor und Wertschätzung sehr positiv wahrgenommen, da das eine gewisse Ruhe und Strukturiertheit in den Alltag bringt, die gut tut. All diese Dinge schätze ich sehr. Insofern ist das wirklich meine deutsche Seite.
Vielleicht ist es auch typisch Deutsch, in einem Verein zu sein, am Vereinsleben, am Gemeinwohl und am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.
Vielleicht ist die Wichtigkeit von Papieren für seine Qualifikationen auch typisch Deutsch. In anderen Ländern kommt es darauf an, was man kann – hier leider viel zu oft, was man formal nachweisen kann (im Übrigen auch ein absolutes Integrationshindernis für jeden Zuwanderer…).
Typisch Deutsch, typisch Britisch, typisch irgendwas… kann doch immer seine Sonnen- oder Schattenseiten zeigen, und liegt maßgeblich im Auge des Betrachters, nicht wahr?

Martin: Wollen Sie jetzt zum Ende des Interviews noch etwas anderes ansprechen?
Mirja: Eine Erfahrung in Bezug auf meine Großmutter möchte ich noch loswerden. Ich bin natürlich sehr für gelungene Integration, für ein gelingendes Miteinander. Meine Großmutter musste sich ja in England – nach all den schrecklichen Jahren des Krieges, der Lager und der Flucht! – noch einmal ein ganz anderes neues Leben aufbauen. Dieses neue Leben hat sich grundsätzlich von dem unterschieden, das sie vor dem Krieg hatte: Eine Kindheit auf einem ziemlich großen Gutshof, auch nach der Heirat relativ wohlhabende Bedingungen mit zum Beispiel Köchin. Auf der Flucht und dann auch in England musste sie die Ärmel selbst hochkrempeln und ihre Sitution teilweise ganz alleine meistern. Das hat sie auch getan und bewunderswert gut geschafft. Meine Großmutter ist, trotz all der Dinge, die sie erleben musste und die sie hätten umbringen können, über einhundert Jahre alt geworden. Aber sie hat in all der Zeit nie richtig Englisch gelernt und hat in London zusammen mit vielen anderen Polen „in ihrer Blase gelebt“. Nach dem hier herrschenden Verständnis von „Integration“ hat sie sich also „nie richtig integriert“ und lebte in ihrer „Parallelgesellschaft“. Das ist etwas, das ich nicht befürworte, aber es ist ein lebensnahes Beispiel, dass  es so etwas gibt – und vielleicht auch, warum es so etwas gibt. Das hat ihr nicht geschadet und auch keinem sonst. Nur soviel zu den „bösen und gefährlichen Parallelwelten“, von denen immer erzählt wird. Klar geht das besser, aber es muss auch nicht gegen die Demokratie oder die Grund- und Menschenrechte sein.

Und ganz zuletzt: Trotz aller Gräuel „bezaubern“ mich die unzähligen kleinen und großen Momente der Menschlichkeit, die es in der Fluchtgeschichte meiner Großeltern und meines Vaters gab und die ihnen das Überleben überhaupt erst ermöglichten, wo so viele das nicht überlebten. Diese Momente der Menschlichkeit in finstersten Zeiten, die ich spüre und auch entdecke, wenn mein Vater mir diese Dinge bis heute nach und nach erzählt. Ohne diese Menschlichkeit gäbe es mich nicht. Das prägt.

Martin: Vielen Dank für das sehr interessante Gespräch und für Ihre Teilnahme an meinem Projekt.

Der Beitrag Ich bin Deutsch – Sawsan Chebli erschien zuerst auf Ich bin Deutsch.

]]>
https://www.ich-bin-deutsch.land/ich-bin-deutsch-sawsan-chebli/feed/ 0
Ich bin Deutsch! – Hafza https://www.ich-bin-deutsch.land/ich-bin-deutsch-hafza/ Fri, 08 Mar 2019 15:09:43 +0000 https://www.ich-bin-deutsch.land/?p=599 Ich bin Deutsch - Hafza

Der Beitrag Ich bin Deutsch! – Hafza erschien zuerst auf Ich bin Deutsch.

]]>

Ich bin Deutsch! – Hafza

Das Gespräch mit Hafza habe ich im Café Extrablatt in Karlsruhe geführt.
Hafza wurde in Bonn geboren und lebt schon seit über 12 Jahren, zusammen mit ihrer Mutter und ihren drei Brüdern, in Karlsruhe. Die Eltern von Hafza stammen beide aus Somalia.

Martin: Hafza, du trägst einen Hijab. Ist das die richtige Bezeichnung deiner Kopfbedeckung?
Hafza: Ja, das ist richtig. Ich trage meinen Hijab seit ich elf Jahre alt bin. Ich trage den Hijab freiwillig, es hat mich niemand dazu gezwungen. Ich bin stolz darauf, mich entschieden zu haben, diesen Weg zu gehen.

Martin: Was bedeutet es für dich den Hijab zu tragen?
Hafza: Meiner Meinung nach wird man in Deutschland schon eingeschränkt, wenn man einen Hijab trägt. Diese Erfahrung durfte ich schon machen. In der 4. Klasse wurde ich oft gefragt: „Warum trägst du das … ?“ oder „Haben dich deine Eltern dazu gezwungen … ?“. Mit diesem Wissen rate ich dazu, erst ab einem Alter von 15 oder 16 Jahren den Hijab anzulegen.
Trotzdem bereue ich es nicht, diesen Schritt getan zu haben. Wie gesagt: ich bin stolz darauf, erkenne aber auch die Nachteile, nehme diese jedoch gerne in Kauf.

Martin: Meinst du die Einschränkungen, in Deutschland einen Hijab zu tragen, werden in der Zukunft weniger? Dass die Menschen offener damit umgehen?
Hafza: Das hoffe ich. Ein Kopftuch, oder einen Hijab zu tragen ändert ja nichts an meinem Charakter, oder daran was oder wer ich bin. In Deutschland hat man ja bereits einen Schritt zu mehr Offenheit gewagt. Deutschland ist bereit dazu noch mehr zu ändern, auch wenn man Fereshta Ludin vor vielen Jahren verboten hat mit Kopftuch als Lehrerin zu unterrichten. Heute ist das in manchen Bundesländern kein Problem mehr.

Martin: Gab es schon Situationen in denen du den Eindruck hattest, man würde dich nur auf deine Kopfbedeckung reduzieren?
Hafza: Aktuell eher nicht. Früher als Schülerin jedoch schon. Als ich mich um ein Praktikum bemüht hatte, bekam ich die Antwort, dass das mit einem Kopftuch nicht möglich sei.

Martin: Du engagierst dich für interkulturelle Arbeit und für ein Miteinander. Wie gestaltet sich dieses Engagement aus?
Hafza: Naja, ich bin im Deutschsprachigen Muslimkreis Karlsruhe (DMK). Darüber bieten wir viele Veranstaltungen an und werden auch Teil der Karlsruher Wochen gegen Rassismus in diesem Jahr sein.

Martin: Bist du in der Kultur deiner Eltern ebenso „zuhause“ wie in der deutschen?
Hafza: Ja, mir ist meine Kultur sehr wichtig, auch wenn ich hier in Deutschland geboren bin. Ich liebe auch meine Heimat.

Martin: Was ist denn deine Kultur und wo liegt deine Heimat?
Hafza: Deutschland ist zum Teil meine Heimat und ich fühle mich hier auch sehr wohl. Meine erste Heimat ist jedoch Somalia. Trotzdem gehören beide Kulturen zu mir.

Martin: Hast du die Heimat deiner Eltern, deine somalische Heimat schon besucht?
Hafza: Ja, ich war 2014 schon einmal dort. Dort hat es mir sehr gut gefallen, einfach nur wunderschön. Es ist dort nicht so wie Somalia oftmals in den Medien dargestellt wird und auch nicht so, wie ich mir selbst das Land vorgestellt hatte.

Martin: Wie meinst du das? Kannst du das ein wenig ausführen?
Hafza: Ach, man sagt ja immer, Somalia wäre ein „Kriegsland“ wo immer nur Bürgerkrieg ist. In all den vielen Städten, die ich besucht habe, war nichts von Krieg zu sehen. Die Menschen dort sind sehr freundlich, sehr offen. Ich fand es sehr schön dort.

Martin: Beherrschst du die somalische Landessprache?
Hafza: Ja, natürlich

Martin: Wirst du von den Einheimischen in Somalia angenommen, oder bist du dort „die Deutsche“?
Hafza: Ich bin dort die Deutsche, ja. Man merkt es einfach, wenn man in Europa oder in Deutschland geboren wurde.

Martin: Das heißt, du wandelst salopp ausgedrückt irgendwie zwischen den Welten?
Hafza: Ja, irgendwie schon (lacht). Dort bin ich die Deutsche, hier die Somalierin.

Martin: Dein Besuch in Somalia, war das eher ein Urlaub für dich?
Hafza: Ja, ein wunderschöner Urlaub. Ich habe meine ganze Familie kennengelernt, die Seite meiner Mutter, die Seite meines Vaters, meine Kusinen. Ich habe ihr Dorf besucht. Ich war dort einfach unbeschreiblich zufrieden. Alle sind offen, alle sind freundlich. Keiner macht dich dort dumm an.

Martin: Hast du schon Ideen oder Träume, was du nach deinem Abitur machen möchtest?
Hafza: Ja, indirekt schon. Ich möchte auf jeden Fall studieren. Sehr gerne im Bereich Sozial- oder Gesundheitsmanagement. Ich hatte ja schon eine Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin angefangen. Die habe ich jedoch abgebrochen, weil ich dachte noch jung genug zu sein um nochmals die Schulbank zu drücken, um auf dem 2. Bildungsweg mein Abitur machen zu können.

Martin: Wenn du mit deinem Studium fertig bist, möchtest du mit deinem Wissen nach Somalia gehen und dort mithelfen das Land weiter voran zu bringen?
Hafza: Das wäre eine Möglichkeit. Aber das steht ja noch nicht fest. Wer weiß, wohin mich mein Leben treibt.

Martin: Findest du die Diskussion über Einwanderung, Migration und Islam hier in Deutschland als offen und ehrlich?
Hafza: Ich finde es traurig, eine Religion und die Menschen, die daran glauben in eine Schublade zu stecken. Der Islam wird hier in Deutschland meiner Meinung nach viel zu oft viel zu negativ dargestellt.

Martin: Kannst du das an Beispielen festmachen?
Hafza: Wenn durch die Stadt laufe kommt es schon vor, dass mich wildfremde Personen ansprechen und sagen: „Sie kommen doch aus einem islamischen Staat, was wollen Sie denn hier in Deutschland? Gehen Sie doch in Ihre Heimat zurück.“ Ich werde auch oft dumm von der Seite angemacht. Die Medien haben einen großen Einfluss auf diese Stimmung. Ich finde es schade, dass viele Menschen das glauben was in den Medien steht ohne das selbst für sich zu reflektieren. Ich würde mir wünschen, dass diese Menschen offener auf uns und auf den Islam zugehen würden, um damit mit uns und dem Islam eigene Erfahrungen machen zu können.

Martin: Wir gehst du dann damit um?
Hafza: Natürlich regt man sich darüber auf. Ich frage mich dann schon, was das Problem dieser anderen Person sein könnte. Da sowas jedoch oft passiert lernt man damit umzugehen. Ich lasse zum Beispiel die Menschen reden und lasse das Ganze dann nicht an mich heran. Weil: ich kann ja nichts daran ändern, wie die Menschen denken.
Viel schöner wäre es, würde man offener aufeinander zu gehen.

Martin: Setzt du dich mit diesen Menschen, die dich „dumm anmachen“ aktiv auseinander?
Hafza: Das würde eskalieren. Meinen Erfahrungen nach möchten diese Menschen gar nicht reden. Sie möchten einfach nur das loswerden was sie gerade in sich tragen.

Martin: Zum Schluss unseres Gespräches die quasi schon obligatorische Frage: Was ist denn für dich typisch Deutsch?
Hafza: (lacht lauthals) … Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit?

Martin: Vielen Dank für das nette Gespräch und deine Teilnahme an meinem Projekt.

Der Beitrag Ich bin Deutsch – Sawsan Chebli erschien zuerst auf Ich bin Deutsch.

]]>
https://www.ich-bin-deutsch.land/ich-bin-deutsch-sawsan-chebli/feed/ 0
Teilnahme an den Karlsruher Wochen gegen Rassismus 2019 – KWgR https://www.ich-bin-deutsch.land/teilnahme-an-den-karlsruher-wochen-gegen-rassismus-2019-kwgr/ Tue, 11 Dec 2018 10:59:20 +0000 https://www.ich-bin-deutsch.land/?p=494 kwgr-BB

Der Beitrag Teilnahme an den Karlsruher Wochen gegen Rassismus 2019 – KWgR erschien zuerst auf Ich bin Deutsch.

]]>

Teilnahme an den Karlsruher Wochen gegen Rassismus 2019 – KWgR

Ich freue mich „wie Bolle“: Mein Projekt wird, in enger Zusammenarbeit mit dem Karlsruher Kulturbüro, Teil der Karlsruher Wochen gegen Rassismus (KWgR) 2019 sein. Die KWgR 2019 finden vom 15. bis 31. März statt

Am Sonntag den 17.03.2019 um 19:30 Uhr werde ich mein Projekt in einem Vortrag im Karlsruher Ständehaus-Saal vorstellen. Der Eintritt ist frei.
Im Rahmen dieses Vortrages werde ich über das „Warum“, meine Erfahrungen, Schwierigkeiten und Enttäuschungen sprechen. Hinzu kommen drei Stimmen von Projektteilnehmern, die über ihre Sicht der Dinge sprechen werden. Aktuell konnte ich schon zwei Projekt-Teilnehmer gewinnen, mit mir den Abend zu gestalten:  ZolanaSenad und Mirja (dieses Interview ist gerade in Arbeit).

An den Seiten, oder einer Seite, des Ständehaus-Saales werden Prints und Texte von Projektteilnehmern zu sehen sein.
Danke an dieser Stelle an Saal-Digital für das Teilsponsoring der Prints.

Der Beitrag Ich bin Deutsch – Sawsan Chebli erschien zuerst auf Ich bin Deutsch.

]]>
https://www.ich-bin-deutsch.land/ich-bin-deutsch-sawsan-chebli/feed/ 0
Öffnung meines Projektes und Änderung des Logos https://www.ich-bin-deutsch.land/oeffnung-meines-projektes-und-aenderung-des-logos/ Wed, 24 Oct 2018 16:24:25 +0000 https://www.ich-bin-deutsch.land/?p=329 Martin Wolfert

Der Beitrag Öffnung meines Projektes und Änderung des Logos erschien zuerst auf Ich bin Deutsch.

]]>

Öffnung meines Projektes und Änderung des Logos

Noch immer ist das Feedback über mein Projekt eher überschaubar. Einen Kritikpunkt habe ich in den letzten Monaten jedoch öfter gehört:

„Dein Projekt ist zu eng. Du grenzt Menschen aus, die sich mit deinem Projekt identifizieren können, jedoch keine deutsche Staatsbürgerschaft besitzen.“

Ich habe lange darüber nachgedacht, und bin zu dem Schluß gekommen, dass diese Kritik gerechtfertigt ist. Mein Projekt lebt ja davon zu versuchen, Menschen zusammenzubringen und eben nicht auszugrenzen.

Daher ist die „Hürde“ der deutschen Staatsbürgerschaft als Voraussetzung für ein Mitwirken an meinem Projekt weggefallen.

Nun kann ich wirklich alle Menschen einladen, Teil meines Projektes zu werden, die sich mit meinem Projekt und seinen Intentionen identifizieren können.

Also: Machen Sie mit, schreiben Sie mir eine E-Mail.

Im Rahmen dieser Überlegungen ist mir aufgefallen, dass die Kombination im Projekt-Logo „Ich bin Deutsch!, zusammen mit den deutschen Farben“, vielleicht zu provokativ sein könnte, und damit eher kontraproduktiv ist.

Daher habe ich die deutschen Farben gegen einen Verlauf von „Schwarz nach Weiß“ ersetzt. Dieser Verlauf mag nun also sinnbildlich für die Vielfältigkeit an Kulturen und Ethnien in Deutschland stehen. 

Der Beitrag Ich bin Deutsch – Sawsan Chebli erschien zuerst auf Ich bin Deutsch.

]]>
https://www.ich-bin-deutsch.land/ich-bin-deutsch-sawsan-chebli/feed/ 0
Ich bin Deutsch! – Eduard https://www.ich-bin-deutsch.land/ich-bin-deutsch-eduard/ https://www.ich-bin-deutsch.land/ich-bin-deutsch-eduard/#respond Sat, 20 Oct 2018 10:05:06 +0000 https://www.ich-bin-deutsch.land/?p=308 Ich bin Deutsch - Eduard

Der Beitrag Ich bin Deutsch! – Eduard erschien zuerst auf Ich bin Deutsch.

]]>

Ich bin Deutsch! – Eduard

Das Gespräch mit Eduard habe ich im Kaisergarten in Karlsruhe geführt.
Eduard kam 1994 als Spätaussiedler mit seiner Familie aus Tschita in Russland, östlich vom Baikalsee, nach Berlin.

Dort hat Eduard auf der FH Berlin erfolgreich Informatik studiert. Der Arbeit wegen ist er nach Karlsruhe gezogen, wo inzwischen auch seine ganze Familie lebt.

Martin: Eduard, hast du aufgrund deiner Wurzeln schon negative Erfahrungen machen müssen?
Eduard: Naja, ich sehe immer so ernst aus. Manche Menschen meinen, ich würde böse kucken. Das schreckt vielleicht manche ab. Vielleicht kannst du auch ein Bild machen, auf dem ich lache?

Die Sache mit „den Fremden“ war erstmal eher andersherum: Da wo ich geboren bin lebten sehr wenige fremde Menschen. Jedoch gab es, wir wohnten ja nah an der chinesischen Grenze, eine mongolische Minderheit. Freundschaften mit diesen Menschen zu schließen war verpönt und sie wurden schon ausgegrenzt. Daher muss ich im Nachhinein zugeben, rassistisch gewesen zu sein.
In Deutschland angekommen habe ich schnell „die andere Seite“ kennengelernt. Wie es ist als Fremder, als Spätaussiedler, angesehen zu werden und zu einer Minderheit zu gehören. Ich sehe zwar europäisch aus, aber durch meine, am Anfang mangelnden Deutschkenntnisse, wurde ich aufgrund meiner Sprache sehr schnell als russischstämmig abgestempelt. Dadurch hatte sich meine Euphorie, in Deutschland zu leben, recht schnell gelegt.
Durch die Zugehörigkeit zu einer russischen Minderheit in Deutschland habe ich zurzeit ausschließlich Freunde und Bekannte mit einem russischen Hintergrund. Sicherlich ist es so, dass sich Minderheiten eher abschotten und unter sich bleiben.

Martin: Hast du noch Bindungen zu deinen russischen Wurzeln?
Eduard: Nein. Ich habe aktuell Angst wieder nach Russland zu fahren. Da ich noch den russischen Pass besitze und damals eigentlich zur Armee gemusst hätte, weiß ich nicht was passiert, wenn ich nach Russland fahren würde.

Martin: Eduard, was ist denn für dich typisch Deutsch?
Eduard: Hm, jedenfalls nicht die „üblichen“ Dinge wie Pünktlichkeit oder Genauigkeit. Das findet sich auch in anderen Ländern. Das Einhalten von Regeln und einen ausgeprägten Sinn für Ordnung sind jedoch auf jeden Fall typisch deutsche Eigenschaften. Wenn z.B. auf einem Rasen ein Schild „Betreten verboten!“ steht, dann halten sich die Deutschen daran. In Russland würde dieses Schild keinen interessieren.

Eine kleine Anekdote zum Einhalten von Regeln: Ich fahre oft mit dem Fahrrad zur Arbeit. Eines Morgens fuhr ich ein wenig mehr links auf dem Waldweg als ein anderer Fahrradfahrer hinter mir klingelte. Ich dachte mir nichts dabei und bin einfach weitergefahren. Der andere Radfahrer klingelte nochmals. Ich habe dann gebremst und ihn gefragt, warum er denn klingeln würde, rechts wäre doch genügend Platz Seine Antwort: „Ich überhole immer nur links, das ist bei uns halt so!“

Martin: Welche Erwartungshaltung hast du denn an mein Projekt? Warum machst du mit?
Eduard: An sich habe ich keine Erwartungen. Ich mache eher für mich selbst mit, um daran zu arbeiten früher rassistisch gewesen zu sein.
Mit der Zeit (in Deutschland) habe ich eingesehen, dass Rassismus eher hinderlich als förderlich ist. Ich wünsche mir, dass wir in Deutschland irgendwann alle eine „Nation von Gleichen“ sind. Alle Menschen sollten gleich sein, egal welche Bräuche sie pflegen und egal woher sie kommen.
Ich bin gerne bei deinem Projekt dabei, da ich damit ein Statement dafür setzen kann, dass man seine Haltung gegenüber Fremden und anders aussehenden Menschen durchaus ändern kann.

Ein Beispiel: Meine Schwester hat einen nigerianischen Ehemann. Das war schon ein Problem in unserer Familie und in unserem Bekanntenkreis. Ganz am Anfang hat es auch mir etwas ausgemacht, zusammen mit meiner Schwester und ihrem Mann spazieren zu gehen. Ich habe mich immer gefragt, was die Anderen denn darüber denken könnten. Dann habe ich mich dazu aufgerafft, meinen Schwager richtig kennen zu lernen. Das hat sich wirklich gelohnt, und ich fühle mich danach ungemein bereichert.
Aufgrund meiner Erfahrungen in Deutschland bin ich bin der Meinung, dass viele von der AFD, deren Sympathisanten oder Menschen mit Fremdenhass sich die Mühe machen sollten „die Anderen, die Fremden“ kennenzulernen. Sich ein Urteil über einen Menschen aufgrund seiner Herkunft, Sprache oder seines Aussehens zu bilden ist nicht in Ordnung.

Martin: Was denkst du über den Einzug rechter Parolen und rechten Sprachgebrauches in die Umgangssprache auch der großen Volksparteien?
Eduard: Ich finde das sehr schade. Wir sollten ohne all die AFD-Argumente wirklich über wichtigere Dinge als Migration reden. Aus meinem Umfeld gibt es, aus Unzufriedenheit mit der aktuellen Politik, leider viel zu viele AFD-Sympathisanten und Muslim-Gegner. Dort wird die AFD einfach als Alternative gesehen, dass sich „irgendetwas“ in der Politik ändert.
Ich halte das nicht für gut. Leider bin ich auch hier mit meiner Meinung in der Minderheit.

Martin: Danke für deine Beteiligung an meinem Projekt und für deine offenen und ehrlichen Worte.

Der Beitrag Ich bin Deutsch – Sawsan Chebli erschien zuerst auf Ich bin Deutsch.

]]>
https://www.ich-bin-deutsch.land/ich-bin-deutsch-sawsan-chebli/feed/ 0
Ich bin Deutsch! – Helen https://www.ich-bin-deutsch.land/ich-bin-deutsch-helen/ https://www.ich-bin-deutsch.land/ich-bin-deutsch-helen/#respond Thu, 05 Apr 2018 10:35:08 +0000 https://www.ich-bin-deutsch.land/?p=275 Ich bin Deutsch - Helen

Der Beitrag Ich bin Deutsch! – Helen erschien zuerst auf Ich bin Deutsch.

]]>

Ich bin Deutsch! – Helen

Dieses Gespräch mit Helen habe ich in ihrer Pizzeria im Raum Karlsruhe geführt.

Helen ist türkischer Abstammung und in Jordanien geboren. Dort hatte ihr Vater lange Jahre für eine deutsche Firma gearbeitet. Die Eltern von Helen kommen aus dem türkischen Grenzgebiet zu Syrien. Helens Mann ist auch türkischstämmig, seine Eltern kommen  aus der gleichen Region. Da er schon früh mit seinen Eltern nach Deutschland ausgewandert ist, haben sich die beiden während einer seiner Urlaube im gemeinsamen Heimatdorf kennen und lieben gelernt. Seit ihrer Hochzeit vor mehr als 20 Jahren leben beide gemeinsam in Deutschland.
Helen betreibt, eine Pizzeria im Raum Karlsruhe, hat zwei Kinder und man kann sich Integration, auch über Generationen hinweg, nicht besser wünschen.

Martin: Was ist denn für dich typisch Deutsch?
Helen: Die Entwicklung der Deutschen Nationalmannschaft in den letzten zwanzig Jahren in Bezug auf die unterschiedlichen Volksgruppen. Ich glaube, das ist ein sehr gutes und erfolgreiches Beispiel für gelebte Vielfalt. Typisch Deutsch ist auch, gut Essen zu gehen, jeden Sonntag Tatort anzusehen, deutsches Bier, Urlaub auf Mallorca, Made in Germany, und Pünktlichkeit. Ich genieße die Freiheit und die gute Chancengleichheit, gerade als Frau prinzipiell alles machen zu können, was ich gerne machen möchte. Ich glaube, viele Menschen würden gerne in Deutschland leben wollen. Der Ruf von uns Deutschen im Ausland ist meiner Meinung nach viel besser als wir uns selbst zugestehen möchten.

Martin: Du hast mit deinem Mann zusammen ein eigenes Lokal. Was hast du, was habt ihr dort für Erfahrungen mit unterschiedlichen Ethnien gemacht?
Helen: Ich habe immer nur sehr gute Erfahrungen mit meinen Gästen und mit meinen Mitarbeitern gemacht. Das liegt daran, dass wir in Bezug auf Ethnien und Herkunftsländer unserer Mitarbeiter keine Unterschiede machen und offen damit umgehen. Diese Offenheit und auch der freundschaftliche Umgang, im und mit unserem Team, erzeugt eine positive Arbeitsatmosphäre.
Vor einiger Zeit haben wir einer jungen, syrischen Frau aus einem nahen Flüchtlingslager die Chance auf einen Aushilfsjob bei uns gegeben. Diese Chance hat sie genutzt, um insbesondere die  Sprache zu erlernen und sich in Deutschland zu integrieren. Auch hier haben sich Freundschaften entwickelt.

Martin: Hast du Angst vor einem weiteren Wachsen der AFD?
Helen: Ich bin der Meinung, dass die AFD und auch die Pegida durch die Flüchtlingskrise in 2015 deutlich an Zuspruch gewonnen hat. Diese Entwicklung macht mir natürlich Sorgen. Auch wenn ich mir die Welt um uns herum anschaue. Dort sind eher Spalter als Brückenbauer an der Macht, die nichts anderes kennen und können, als Ängste bei den Menschen zu schüren.
Auch die AFD schürt die Ängste der Menschen in Deutschland. Die Menschen unter uns die das erkennen, so wie du mit deinem Projekt, müssen versuchen diese Ängste bedeutungslos zu machen. Der AFD wird man meiner Meinung nach nur mit politischen Mitteln entgegnen können, so wie man es in der Vergangenheit mit den Republikanern und der NPD auch gemacht hat.

Martin: Welche Erwartungshaltung hast du an mein Projekt? Warum machst du mit?
Helen: Ich fühle mich sehr wohl in Deutschland und ich würde mir wünschen, dass dein Projekt Brücken baut, und dadurch viele Menschen zueinander und zu einem Miteinander finden. Jede Begegnung mit einem anderen Menschen, egal wo er herkommt, ist immer lehrreich für beide. Man muss bereit sein, offen und positiv aufeinander zugehen, nur dann gibt jeder sein Bestes für sich, für uns und unsere Gesellschaft. Sobald man einen Beitrag für eine Gesellschaft leistet, sich öffnet und integriert gehört man dazu und schon ist man, in unserem Fall Deutsch.
Durch mein Lokal durfte ich selbst viele Erfahrungen mit anderen Kulturen und Nationalitäten machen – mit Mitarbeitern und auch mit Gästen. Alle diese Erfahrungen waren durchweg positiv und lehrreich. In unserem Team hatten wir schon gleichzeitig junge Mitarbeiter aus Indien, Südamerika und Osteuropa. Alle sind sehr gut miteinander ausgekommen. Es war wirklich schön, das miterleben zu dürfen. Sogar neue Freundschaften sind daraus entstanden. Auch das erhoffe ich mir von deinem Projekt: neue Freundschaften, die Brücken bauen. Wie in der Nationalmannschaft oder auch den Abgeordneten mit Migrationshintergrund im Bundestag. Wir sollten unseren Umgang mit anderen Menschen als Bereicherung ansehen und versuchen diese Menschen zu integrieren und nicht als eine Gefahr für unsere Gesellschaft abstempeln.

Martin: Aus allen deinen Worten kann man deutlich herauslesen: du fühlst dich als Deutsche.
Helen: Ja natürlich, ich bin Deutsche. Ich habe mich mit meinem ganzen Bewusstsein dafür entschieden. Dabei habe ich nicht vergessen wo ich herkomme. Auch wenn ich mich im Land meiner Eltern irgendwie entwurzelt fühle. Ich mag das Land und die Menschen in der Türkei und obwohl ich natürlich die Sprache spreche, bin ich dort „die Deutsche“ oder auch „die Touristin“, die ihren Urlaub im Dorf ihrer Eltern verbringt und dann wieder nach Hause nach Deutschland fährt.

Martin: Darf ich fragen was du für einen Glauben hast?
Helen: Was glaubst du denn? (Lacht verschmitzt)
Martin: Hm, naja (ich laviere herum), ich weiss es nicht?
Helen: Meine Familie, mein Mann, meine Kinder  und ich wurden Christlich-Orthodox getauft
Martin: Das bedeutet, du kommst aus einer religiösen Minderheit in der Türkei. Wurdest du dort oder auch hier in Deutschland deswegen diskriminiert?
Helen: Nein. Auch wenn in dieser Region unterschiedliche Religionen. Also Juden, Christen, und Moslems beheimatet sind, hatte ich persönlich kaum Probleme, auch Diskriminierungen sind mir nicht bekannt. Die Menschen dort sind seit sehr vielen Jahren gewohnt zusammenzuleben.

Martin: Vielen Dank für unser Gespräch, deine Offenheit, dein Mitwirken in meinem Projekt. Danke auch für die leckere Panacotta 🙂

Der Beitrag Ich bin Deutsch – Sawsan Chebli erschien zuerst auf Ich bin Deutsch.

]]>
https://www.ich-bin-deutsch.land/ich-bin-deutsch-sawsan-chebli/feed/ 0