Ich bin Deutsch – Dr. Karamba Diaby (MdB)

Karamba Diaby wurde im Senegal geboren und wuchs auch dort auf. Er studierte zuerst Biologie und Geologie auf Lehramt in Dakar und kam später über ein Stipendium in die damalige DDR, um dort an der Martin-Luther-Universität in Halle-Wittenberg Chemie zu studieren. Dort lernte er auch seine spätere Ehefrau kennen. Danach promovierte Karamba Diaby zum Doktor der Naturwissenschaften. 2009 trat er in die SPD ein und wurde in den Stadtrat von Halle gewählt. Mit der Bundestagswahl 2013 konnte Karamba Diaby in den Bundestag einziehen.

Das Interview durfte ich im Büro von Karamba Diaby im Deutschen Bundestag machen.

Martin Wolfert: Viele Menschen, mit denen ich mich über den Begriff „Schwarz“ als Hautfarbe unterhalten habe, stören sich daran. In Ihrem Buch beziehen bzw. definieren Sie den Begriff „Schwarz“ für sich selbst nach der Definition der ISD (Initiative Schwarze Menschen in Deutschland). Können Sie verstehen, dass manche Menschen ein Problem mit diesem Begriff von „Schwarz“ haben?
Karamba Diaby: Es gibt ja keine einheitliche Definition davon. Ich kann mich mit dieser Beschreibung identifizieren. Die ISD hat sich dafür entschieden, genauso wie man sich in Amerika auf „Black“ mit großem „B“ geeinigt hat, auch in Deutschland den Begriff „Schwarz“ mit großem „S“ zu schreiben. Somit erhält man eine Zuordnung und nicht die Eigenschaft einer Hautfarbe. Aber ja, ich kann verstehen, dass die Gefahr besteht, dass nicht alle damit einverstanden sind.

Martin Wolfert: Darf ich diesen Begriff aufgrund Ihrer Definition im Rahmen des Interviews so verwenden?
Karamba Diaby: Ja, natürlich.

Martin Wolfert: Sie schreiben in Ihrem Buch über einen rassistischen Taxifahrer, der Sie nicht mitgenommen hat. Dieser Vorfall ist nun schon zwei Jahre her. Passiert Ihnen so etwas immer noch, nachdem Sie nun Bundestagsabgeordneter sind? Gehen die Menschen anders mit Ihnen um?
Karamba Diaby: Dazu muss man wirklich wissen, dass Rassismus inzwischen in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Bei mir steht ja nicht auf der Stirn, dass ich Bundestagsabgeordneter bin. Daher werde ich wie jeder andere, wenn ich nicht gerade in Anzug und Krawatte herumspringe, mit bestimmten Blicken konfrontiert, und muss mich wie jeder andere auch mit bestimmten Bemerkungen auseinandersetzen.

Es ist wichtig, an den Stellen, an denen man sich nicht selbst in Gefahr bringt, so etwas nicht zuzulassen, nicht zu akzeptieren und nicht als Normalität anzusehen. Das ist mir wichtig.

Mir begegnet das nicht so oft, weil ich mich wahrscheinlich nicht in bestimmten Bereichen bewege. In den Milieus, in denen ich mich bewege, treffe ich vielleicht weniger solcher Leute. Aber im öffentlichen Raum merke ich schon immer diese bestimmten Blicke und auch diese unangenehmen Äußerungen.

Martin Wolfert: Wie ist das in Ihrem Wahlkreis, in Halle an der Saale? Dort sollte man Sie ja eigentlich kennen.
Karamba Diaby: In Halle ist das natürlich eine besondere Situation. Ich lebe dort nun schon seit 33 Jahren und ich habe Halle nie mehr als vier Wochen verlassen. Ich bewege mich dort zu 99 Prozent ohne Auto, mit öffentlichen Verkehrsmitteln, mit dem Fahrrad oder zu Fuß. Man kennt mich also da, und ich habe einen riesengroßen Zuspruch von Hallenserinnen und Hallensern. Das stärkt mich in meiner Arbeit. Zu wissen, dass diese Menschen, die Hass und Hetze verbreiten, nicht die Mehrheit unserer Gesellschaft sind. Das ist sehr, sehr wichtig für mich.

Martin Wolfert: Spüren Sie da einen Unterschied zwischen den neuen und alten Bundesländern?
Karamba Diaby: Zuerst ist mir wichtig, dass man „den Osten“ nicht unter Generalverdacht stellt. Rassismus ist kein Ostphänomen, ebenso wenig wie Rechtsextremismus und Rechtspopulismus. Wenn man sich die Wahlergebnisse der AFD ansieht, dann soll sie in den Landtagen in den neuen Bundesländern, nach aktuellen Prognosen, sehr stark sein. Aber auch wenn diese Zahlen bei fünfundzwanzig Prozent liegen, bedeutet dies, dass fünfundsiebzig Prozent der Deutschen keine AFD wählen.

Sehr wohl sollte man das Phänomen ernst nehmen. Auch sind manche Äußerungen innerhalb der AFD besorgniserregend. Unsere Demokratie ist jedoch immer noch sehr stark, diesen Menschen dieses schöne Land nicht zu überlassen.

Martin Wolfert: Wenn man sich das Phänomen „Trump“ ansieht, glauben Sie, dass so jemand – wenn auch in abgewandelter Form – versuchen könnte unsere Demokratie von innen auszuhöhlen?
Karamba Diaby: Ich hoffe nicht, dass es so weit kommt. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in Europa spüre ich, dass die Menschen, die jeden Tag aufstehen, um die Demokratie zu verteidigen und für eine plurale Gesellschaft einstehen, immer noch laut sind. Auch wenn die Wahlergebnisse, die wir in den letzten Jahren registrieren müssen, nicht immer so befriedigend sind. Ich finde schon, dass ein gewisser Widerstand in dieser Gesellschaft da ist, der das verhindern kann.

Wenn man zum Beispiel die #unteilbar Demonstration in Berlin (Anmerkung: #unteilbar Demonstration vom 13.10.2018) nimmt: Dort sind über zweihunderttausend Menschen auf die Straße gegangen und haben gegen Hetze und Spaltung demonstriert. Das sind ja positive Tendenzen.

Oder nehmen wir Chemnitz: Dort sind über fünfundsechzigtausend Menschen zu einem Konzert gegen rechts zusammengekommen. (Anmerkung: #wirsindmehr Konzert im September 2018).
Es gibt also schon genügend Demokratinnen, Demokraten und mündige Bürgerinnen und Bürger, die sagen: „Das lassen wir nicht zu!“. Das könnte noch mehr sein, meiner Meinung nach, und auch häufiger, aber ich sehe nicht, dass wir hier Verhältnisse wie in Amerika bekommen.

Martin Wolfert: Meine Frau, die in Deutschland geboren ist und einen afroamerikanischen Hintergrund hat, sperrt sich seit Jahren, die neuen Bundesländer aufgrund ihrer Hautfarbe zu besuchen. Sehr wohl wissend, dass dort nicht nur Rechtsradikale oder AFD-Wähler leben. Können Sie solche Ängste verstehen?
Karamba Diaby: Ja, ich kann das verstehen und auch nachvollziehen. Allerdings muss man dann auch sehen, dass die Vorurteile gegenüber Ostdeutschland vergleichbar sind mit den Vorurteilen von manchen Westeuropäern gegenüber Afrika. Es ist ja so: Was man nicht kennt, worüber man immer wieder Berichterstattungen registriert, kann man den Eindruck bekommen, dass es nur schwarz und weiß gibt, nur die eine Seite oder die andere Seite.

Ich persönlich sehe das anders. Ich nehme gerne das Beispiel mit Afrika, weil ich den Kontinent kenne, und weiß, wie die Berichterstattung hier ist und manche die Angst und die Befürchtung haben, dass „die dort“ nicht aufzuhalten sind. Das ist das gleiche Bild wie für viele, die noch nicht im Osten waren.
Man kann nicht ausschließen, dass man in bestimmten Teilen, zu bestimmten Zeiten mit bestimmten Gruppen von Menschen konfrontiert wird, die sehr unangenehm sind.

Ich habe auch immer gesagt: Alles was in Ostdeutschland an bestimmten negativen Ereignissen passiert – damit meine ich nun nicht Ereignisse wie Heidenau oder Rostock vor gut zwanzig Jahren, oder auch Pegida – ich meine die Überfälle aggressiver Art, da waren die falschen Menschen zur falschen Zeit am falschen Ort.

Wie schon gesagt, ich lebe im Osten, seit über dreißig Jahren in Halle. Wir haben dort eine Universität mit sehr vielen internationalen Studierenden und internationalen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Wir haben die Max-Planck-Forschungseinrichtungen mit sehr vielen internationalen Forscherinnen und Forscher aus der ganzen Welt. Ja, von außen nimmt man eine extreme Situation wahr, und auch die Wahlergebnisse der AFD sind erschreckend.

Ich möchte Sie und Ihre Frau ganz herzlich nach Halle einladen, um einen Spaziergang zu machen, damit Sie ein anderes Bild bekommen. Das ist wirklich ernst gemeint.

Während meines Wahlkampfes 2013 hatte ich Besuch von einer kamerunstämmigen Journalistin, die mit ihrem Team aus Paris angereist war, um eine Reportage mit mir zu machen. Nach dem Interview in meinem Büro im Stadtzentrum von Halle wollte sie mit ihrem Team direkt mit dem Auto ins Hotel zurückfahren.
Ich habe dann gesagt: „Das geht nicht. Ihr könnt doch nicht einfach in diese Stadt kommen, ein Interview mit mir machen und dann gleich wieder gehen! Was nehmt Ihr denn für ein Bild von dieser Stadt mit … gar keines?“
Die haben sich gegenseitig einzeln angeguckt und ich habe gefragt:
„Kommt, was ist los, raus mit der Sprache.“
„Naja … sie ist doch Schwarz!“
„Na und, ich auch. Das ist doch eine Ausrede. Ich begleite euch zum Hotel – damit ihr nicht eure Meinung ändert – Ihr macht euch frisch und danach gehen wir zu Fuß durch Halle in die Kneipe. Ich nehme euch mit, ich zeige euch meine Stadt.“
Kaum in der Kneipe angekommen, haben mich die Leute, wir kennen uns ja alle, direkt angequatscht: „Du hast Gäste. Wer ist das und wo kommen sie her?“
Wir haben den ganzen Abend dort gequatscht.

Das heißt: Ich kenne das, was Ihre Frau sagt.

Noch ein Beispiel von einer Landsmännin aus Berlin, deren Mann (aus Würzburg in Süddeutschland) in Halle gearbeitet hat. Von zehn Wochenenden kam er acht nach Berlin, sie zwei nach Halle. Dabei hat sie die Wohnung, die sich sehr zentral in Halle befunden hat, nicht verlassen, sich nicht hinaus getraut. Immer wenn er argumentiert hatte, dass ich ja auch dort lebe, hat sie immer geantwortet, ich sei ja auch ein Mann und eine Ausnahme. Naja, man kann immer für alles eine Ausrede finden (lacht).

Er hat sich mir dann anvertraut, und mich um Hilfe gebeten. Diese Hilfestellung habe ich dann auch gegeben. Nun wohnt sie zusammen mit ihrer Tochter in Halle und hat keinerlei Probleme mehr, sich dort im öffentlichen Raum zu bewegen.

Ja, es ist was dran und es kann immer etwas passieren und Vorurteile gibt es immer. Also bitte, besuchen Sie mich mit Ihrer Frau in Halle.

 

Martin Wolfert: Vielen Dank für Ihre Einladung. Ich werde Sie beim Wort nehmen.
Karamba Diaby:  Genau, tun Sie das.

Martin Wolfert: Das heißt, um die Angst und die Vorurteile meiner Frau zu überwinden soll sie …
Karamba Diaby: … einfach hinkommen.

Letztes Beispiel vielleicht: Ich hatte einen Anruf einer Schwarzen Familie aus Stuttgart. Die Mutter meinte zu mir: „Meine Tochter ist verrückt geworden. Sie möchte unbedingt in Halle studieren. Sie ist doch meine einzige Tochter, das geht nicht.“

Ich fragte dann:  „Warum rufen Sie mich jetzt an?“ „Naja, meine Tochter nennt Sie als Beispiel, dass Sie da leben. Was können Sie mir denn über Halle erzählen? Ich antwortete: „Erstens, ich bin Schwarz!“ (lacht laut). „Das weiß ich“, antwortete Sie. Ich antwortete weiter: „Ich lebe schon lange hier und habe viele, viele Freunde und eine wunderbare Familie. Ich bin jeden Tag in der Stadt (damals war ich noch kein Mitglied des Bundestages).“ „Vielleicht haben Sie eine besondere Situation, in der man Sie nicht angreifen darf?“ „Nein, ich habe hier keine besondere Situation, ich bin einfach ein normaler Sozialarbeiter. Ich kann nicht garantieren, dass nie etwas passiert, das kann ich nicht. Aber ich kann Ihnen sagen, wir haben zweitausend internationale Studenten in Halle, darunter auch viele Schwarze Menschen.“ Die Eltern kamen dann mal zu Besuch nach Halle und das Thema mit dem Studieren in Halle war danach keines mehr. Also: einfach hinkommen.

Martin Wolfert: Wie besetzen Sie denn den Begriff „Heimat“?
Karamba Diaby: (Überlegt) Ich denke, Heimat kann man immer individuell definieren. Für mich persönlich ist Halle meine momentane Heimat. Heimat ist da, wo meine Familie ist, da wo meine Freunde sind, da wo ich mich sicher und geborgen fühle. Das heißt nicht, dass man nur eine Heimat haben kann. Man kann durchaus mehrere Heimaten haben.

Martin Wolfert: Also ist Heimat ein Gefühl?
Karamba Diaby: Ja, genau. Wenn man zum Beispiel Geflüchtete betrachtet, die wegen Folter oder Verfolgung aus ihrem Geburtsland fliehen mussten, wäre die Antwort auf Ihre Frage nicht so einfach zu beantworten.

Martin Wolfert: Wenn Sie im Senegal sind, sind Sie dann der Deutsche?
Karamba Diaby: (Lacht) Ja. Das ist nicht meine eigene Definition, ich fühle mich nicht so. Aber das ist halt so mit der Eigen- und Fremdwahrnehmung. Dort (im Senegal) meinen die Menschen, meine Sprache und meine Gestik wäre nicht typisch senegalesisch. Ich ertappe mich auch selbst dabei, das ich sage: „ … wenn ich dann nach Hause fahre …“, dann sind sie im Senegal beleidigt. Das sind dann die gleichen Leute, die sagen: „Naja, so wie du deine eigene Muttersprache sprichst, du sprichst wie ein Ausländer. Du bist nicht mehr von hier.“ Man ist da zwischen zwei Fronten.

Martin Wolfert: Wie ist denn die senegalesische Gestik im Vergleich zur deutschen?
Karamba Diaby: Auch wenn man das nicht verallgemeinern kann, ist die Gestik viel beweglicher, temperamentvoller und manchmal auch laut. In Deutschland hat man dann gelernt anders, nicht mehr so laut, zu sprechen.

Martin Wolfert: In Ihrem Buch schreiben Sie, sie hätten sich zu dreiundneunzig Prozent integriert und auch an das deutsche Essen gewöhnt. Das war vor zwei Jahren. Ist diese Zahl inzwischen größer geworden?
Karamba Diaby: (Lacht) Nein, es ist nicht mehr geworden. Das ist eine Metapher, um einfach ein wenig zu provozieren und die Themen Integration und Assimilation in den Mittelpunkt zu stellen. Dreiunddreißig Jahre in Deutschland haben mich schon stark geprägt. Dazu gehören auch sicherlich meine Essgewohnheiten.

Wenn man zum Beispiel zu Jugendlichen sagt: „Kocht mal typisch Deutsch“, wird man überrascht sein, dass sie Nudeln mit Tomatensauce kochen.

Martin Wolfert: Das ist eine schöne Überleitung zu meiner „klassischen Frage“, was denn für Sie typisch Deutsch ist.
Karamba Diaby: Es gibt für mich kein „typisch Deutsch“. Es gibt ein gewisses Grundverständniss in der Gesellschaft über demokratische Grundwerte, die Rolle der Frau in der Gesellschaft, die Chancengleichheit zwischen Mann und Frau, eine Vorstellung über den Umgang mit der Umwelt. Das sind Werte, die die Menschen in dieser Gesellschaft verbindet. Das Bindeglied ist dabei das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland.

Das ist mein Leitbild, das Grundgesetz und nicht irgendwelche fiktiven „typisch deutschen Dinge“, die in dem Sinne gar nicht oder nicht mehr existieren. Die Vielfalt dieser Gesellschaft ergibt natürlich vielfältige kulturelle Elemente, die wir alle teilen. Vielleicht ticken die Menschen aus unterschiedlichen Bundesländern ein wenig anders. Die Essgewohnheiten in Niederbayern sind sicherlich andere als in Ostfriesland. Das ist Vielfalt, Teile dieser Gesellschaft. Auch die durch Einwanderung erbrachten Teile sind Teil dieses Landes. Diese Vielfalt ist es, was Deutschland für mich ausmacht.

Martin Wolfert: Mit dem Begriff des Leitbildes, fällt mir auch der Begriff der Leitkultur ein, den die CSU formuliert hat.
Karamba Diaby: Es gibt keine Leitkultur. Es gibt die kulturelle Vielfalt der Gesellschaft, wie ich sie gerade beschrieben habe. Es gibt ein Leitbild, das geprägt ist durch das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland. Besonders Artikel 1 des Grundgesetzes, die Chancengleichheit zwischen Mann und Frau, die Religionsvielfalt. Das ist das Leitbild, zu dem ich mich bekenne und das ich auch verteidige.

Martin Wolfert: Mein Projekt ist ja nun nicht vergleichbar mit „Spiegel Online“ oder der „New York Times“. Was hat Sie dazu bewogen mit diesem Interview Teil meines Projektes zu werden?
Karamba Diaby: Ich finde Menschen spannend, die sich mit Schwarzen Menschen und Biographien beschäftigen. Ich finde, wir benötigen mehr Gesichter der Schwarzen Community in Deutschland, die zu Wort kommen. Wir brauchen viel mehr Gesichter in Deutschland, damit auch deutlich wird, dass auch viele Schwarze Menschen in Deutschland leben.

Nur so können Respekt und Wertschätzung gegenüber der Schwarzen Community wachsen. Deshalb bin ich bereit, bei jeder sich bietenden Gelegenheit die Möglichkeit zu nutzen, um mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Damit sollen andere angeregt werden, sich öffentlich zu äußern und ihre Arbeit darzustellen. Das war der Grund.

Martin Wolfert: Wenn in Deutschland mit einem Gerücht in Bezug auf Rassismus aufgeräumt werden müsste. Welches wäre das?

Karamba Diaby: Zum Beispiel, dass Rassismus nur die Sache einer kleinen Minderheit ist. Alltagsrassimus ist keine Frage der Randgruppen. Rassismus ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Aktuellstes Beispiel ist der Mord an Walter Lübcke in Kassel. Das zeigt ja deutlich, dass die Geister der NSU immer noch in dieser Gesellschaft vorhanden sind. Das ist natürlich ernst zu nehmen.

Martin Wolfert: Mit Ausnahme der Grünen, der Linken und der SPD ist der prozentuale Anteil der Bundestagsabgeordneten mit Migrationshintergrund oder die eine andere Hautfarbe haben im einstelligen Bereich. Haben wir in Deutschland ein Problem, dass Menschen mit Migrationshintergrund nicht so oft richtig Fuß fassen können?
Karamba Diaby: Im Parlament sind wir im Moment bei ungefähr acht Prozent. Das finde ich ein Armutszeugnis, wenn man weiß, dass 23 Prozent der deutschen Bevölkerung einen sogenannten Migrationshintergrund hat. Auch in den anderen öffentlichen Ämtern ist dieser prozentuale Anteil nicht höher. Insbesondere bei den Lehrkräften hat man zum Teil über 80 Prozent Kinder mit Migrationshintergrund in den Klassen. Sieht man jedoch ins Lehrerzimmer, ist die Vielfalt nicht so groß.

Das heißt: Wir müssen noch mehr machen, was die interkulturelle Öffnung der Gesellschaft angeht. Aus meiner Sicht gibt es da mehrere Dinge zu erwähnen.
Einerseits: Je mehr eine Mehrheitsgesellschaft eine Minderheit ablehnt, je weniger Respekt sie gegenüber den Leistungen von Menschen mit Migrationshintergrund entgegenbringt, umso mehr führt das dazu, dass diese sich nicht angenommen fühlen. Das kann dazu führen, dass sich Menschen dann zurückziehen. Es gibt also Stolpersteine, die auszuräumen sind.
Andrerseits: Wenn es um Politik und Engagement geht, dann sieht man ein unheimliches Engagement von Menschen mit Migrationshintergrund, die sich in kleineren Organisationen engagieren. Was mir fehlt, ist vielmehr, sich in den großen Organisationen der Mehrheitsgesellschaft deutlicher zu engagieren – in den Gewerkschaften, in den Parteien und in den Stiftungen.

Ich war zum Beispiel von 1997 bis 2004 Landesvorsitzender der Heinrich-Böll-Stiftung in Sachsen-Anhalt. Wir hatten damals glaube ich einen Anteil von Menschen mit Migrationsgeschichte von 2 Prozent. Trotzdem habe ich damals gesagt, ich mache mit und war dann in einer deutschen, parteinahen Stiftung sechs Jahre lang der Landesvorsitzende.

Mein Plädoyer, mein Appell an jüngere Menschen mit Migrationshintergrund ist, dass die den Weg wagen, trotz aller Widrigkeiten und Konkurrenz, der Mehrheitsgesellschaft zu zeigen, dass existierende rassistische und ausgrenzende Tendenzen Hindernisse für eine Partizipation sind.

Martin Wolfert: Die Probleme von Menschen mit Migrationshintergrund gehen ja schon in der Schule los. Sollte da die Politik nicht aktiv für mehr Chancengleichheit einstehen?
Karamba Diaby:  Ich glaube schon, dass die Schule im Bereich der Bildung eine ganz große Säule darstellt. Unsere Schulbücher sind nicht so interkulturell geöffnet, wie man sich das wünschen würde. Da sollten viel mehr interkulturelle Aspekte eingebaut werden, damit sich Schüler mit Migrationshintergrund viel mehr repräsentiert fühlen.

Die andere Säule sollte sein, mehr Lehrkräfte einzustellen, um den Fokus auf Schulen in bestimmten sozialen Milieus so zu legen, dass die Beteiligung von allen gewährleistet ist und so die Chancen erhöht werden. Das hat nicht nur mit Migranten zu tun, sondern mit allen jüngeren Menschen aus bestimmten sozialen Milieus. Diese müssen stärker unterstützt werden.

Martin Wolfert: Aber Schule ist ja Ländersache.
Karamba Diaby:  Eine Forderung, die wir in diesem Zusammenhang diskutiert haben, ist den Föderalismus, dieses Kooperationsverbot weitestgehend zu lockern oder sogar ganz abzuschaffen. Leider finden wir da keine Mehrheit, da wir auf die Kooperation der Länder angewiesen sind. Auch in der politischen Familie sind wir da völlig unterschiedlicher Meinung: Ich würde sagen, die Links-Mitte-Parteien sind dafür, sogar die FDP. Die CDU/CSU und auch die AFD sind völlig dagegen.

 

Martin Wolfert: Wenn sie Kindern mit Migrationshintergrund einem Tipp geben wollten, wie man sich durch die angesprochenen Widrigkeiten kämpft. Welcher wäre das?
Karamba Diaby:  Für jeden Einzelnen muss natürlich die Möglichkeit geschaffen werden, sich in die Lage zu versetzen, sich als Teil dieser Gesellschaft zu sehen. Also, dass er nicht in einer rassistischen und feindlichen Umgebung aufwächst, und in der Schule die Möglichkeit hat, genauso zu partizipieren wie jeder andere. Das muss die Gesellschaft schaffen.

Für die Person selbst, da wiederhole ich mich gerne, kann ich nur sagen: Auch wenn die Schwierigkeiten da sind, dass man sich immer als einen Teil des Gesamten sieht. Dass man sich nicht einladen lässt, sondern dass man sagt, ich möchte ein Teil davon sein, ich mache mit. So habe ich das immer gemacht.

Ein Beispiel: Ich war ja Vorsitzender des Ausländerbeirates der Stadt Halle. Die Kommune hatte nun auf ein Angebot des Bundes zur Gründung eines Elternetzwerkes reagiert. „Toll!“ dachte ich, „Netzwerken, das ist gut. Da kann man diskutieren, was man in der Kommune verbessern kann.“ Ich bin dann zu einer Sitzung im Stadthaus mit vielleicht hundert Menschen gegangen. Dort habe ich mich nicht an den Rand gesetzt, sondern in die Mitte. Die Leiterin einer sozialen Einrichtung tippte mich von hinten an und fragte:

„Was habt ihr mit dem Thema zu tun?“
Ich antwortete: „Was heißt denn wir?“ (Schmunzelt) „Wir Brillenträger, wir mit kurzen Haaren, oder wir Naturwissenschaftler? Oder wir Väter vielleicht? Ich bin Vater, ich arbeite in Halle. Meine Kinder gehen in die Kindertagesstätte, meine Kinder gehen in die Schule. Deshalb bin ich ein Teil davon. Haben Sie noch eine Frage?“
„Nicht so ernst!“, war die Antwort.
Ich antwortete: „Hallo … Sie haben mich gefragt, was wir hier zu suchen haben und ich habe eine Gegenfrage gestellt, was meinen Sie mit wir?“
Danach hat sie sich woanders hingesetzt.

Martin Wolfert: Aber so mit dieser Situation umzugehen, dafür muss ja ein gewisses Selbstbewusstsein vorhanden sein. So ein Selbstbewusstsein zu erreichen bedarf ja einiges an Arbeit.
Karamba Diaby:  Ja, deshalb habe ich auch von Vorbildern und von Gesichtern gesprochen. Einige dieser Kinder brauchen Vorbilder, Gesichter und Narrative, die von anderen erzählt werden. Das ist ein langer, aber machbarer Weg. Ich denke, es gibt in unserem Land viele viele gelungene Beispiele. Die müssen nur bekannter gemacht werden.

Deshalb finde ich Ihre Arbeit toll, dass Sie zu den gehören, die das bekannt machen.

Martin Wolfert: Danke, ich versuche es. Letzte Frage. Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, welcher wäre das?

Karamba Diaby:  (Überlegt) Wenn ich einen Wunsch frei hätte … wenn wir in den nächsten Jahren so viel in Schulen investieren, dass die aktuellen Ungleichheiten so verschwommen werden, dass jedes Kind in dieser Republik gleich schnell vorankommt.

Martin Wolfert: Herr Diaby, ganz herzlichen Dank für dieses Gespräch.

Vielen Dank an dieser Stelle an die Stiftung gegen Rassismus, die mir im Rahmen des Projektes „Prominent gegen Rassismus“ das Interview mit Dr. Karamba Diaby vermittelt hat.