Ich bin Deutsch! – Eduard

Das Gespräch mit Eduard habe ich im Kaisergarten in Karlsruhe geführt.
Eduard kam 1994 als Spätaussiedler mit seiner Familie aus Tschita in Russland, östlich vom Baikalsee, nach Berlin.

Dort hat Eduard auf der FH Berlin erfolgreich Informatik studiert. Der Arbeit wegen ist er nach Karlsruhe gezogen, wo inzwischen auch seine ganze Familie lebt.

Martin: Eduard, hast du aufgrund deiner Wurzeln schon negative Erfahrungen machen müssen?
Eduard: Naja, ich sehe immer so ernst aus. Manche Menschen meinen, ich würde böse kucken. Das schreckt vielleicht manche ab. Vielleicht kannst du auch ein Bild machen, auf dem ich lache?

Die Sache mit „den Fremden“ war erstmal eher andersherum: Da wo ich geboren bin lebten sehr wenige fremde Menschen. Jedoch gab es, wir wohnten ja nah an der chinesischen Grenze, eine mongolische Minderheit. Freundschaften mit diesen Menschen zu schließen war verpönt und sie wurden schon ausgegrenzt. Daher muss ich im Nachhinein zugeben, rassistisch gewesen zu sein.
In Deutschland angekommen habe ich schnell „die andere Seite“ kennengelernt. Wie es ist als Fremder, als Spätaussiedler, angesehen zu werden und zu einer Minderheit zu gehören. Ich sehe zwar europäisch aus, aber durch meine, am Anfang mangelnden Deutschkenntnisse, wurde ich aufgrund meiner Sprache sehr schnell als russischstämmig abgestempelt. Dadurch hatte sich meine Euphorie, in Deutschland zu leben, recht schnell gelegt.
Durch die Zugehörigkeit zu einer russischen Minderheit in Deutschland habe ich zurzeit ausschließlich Freunde und Bekannte mit einem russischen Hintergrund. Sicherlich ist es so, dass sich Minderheiten eher abschotten und unter sich bleiben.

Martin: Hast du noch Bindungen zu deinen russischen Wurzeln?
Eduard: Nein. Ich habe aktuell Angst wieder nach Russland zu fahren. Da ich noch den russischen Pass besitze und damals eigentlich zur Armee gemusst hätte, weiß ich nicht was passiert, wenn ich nach Russland fahren würde.

Martin: Eduard, was ist denn für dich typisch Deutsch?
Eduard: Hm, jedenfalls nicht die „üblichen“ Dinge wie Pünktlichkeit oder Genauigkeit. Das findet sich auch in anderen Ländern. Das Einhalten von Regeln und einen ausgeprägten Sinn für Ordnung sind jedoch auf jeden Fall typisch deutsche Eigenschaften. Wenn z.B. auf einem Rasen ein Schild „Betreten verboten!“ steht, dann halten sich die Deutschen daran. In Russland würde dieses Schild keinen interessieren.

Eine kleine Anekdote zum Einhalten von Regeln: Ich fahre oft mit dem Fahrrad zur Arbeit. Eines Morgens fuhr ich ein wenig mehr links auf dem Waldweg als ein anderer Fahrradfahrer hinter mir klingelte. Ich dachte mir nichts dabei und bin einfach weitergefahren. Der andere Radfahrer klingelte nochmals. Ich habe dann gebremst und ihn gefragt, warum er denn klingeln würde, rechts wäre doch genügend Platz Seine Antwort: „Ich überhole immer nur links, das ist bei uns halt so!“

Martin: Welche Erwartungshaltung hast du denn an mein Projekt? Warum machst du mit?
Eduard: An sich habe ich keine Erwartungen. Ich mache eher für mich selbst mit, um daran zu arbeiten früher rassistisch gewesen zu sein.
Mit der Zeit (in Deutschland) habe ich eingesehen, dass Rassismus eher hinderlich als förderlich ist. Ich wünsche mir, dass wir in Deutschland irgendwann alle eine „Nation von Gleichen“ sind. Alle Menschen sollten gleich sein, egal welche Bräuche sie pflegen und egal woher sie kommen.
Ich bin gerne bei deinem Projekt dabei, da ich damit ein Statement dafür setzen kann, dass man seine Haltung gegenüber Fremden und anders aussehenden Menschen durchaus ändern kann.

Ein Beispiel: Meine Schwester hat einen nigerianischen Ehemann. Das war schon ein Problem in unserer Familie und in unserem Bekanntenkreis. Ganz am Anfang hat es auch mir etwas ausgemacht, zusammen mit meiner Schwester und ihrem Mann spazieren zu gehen. Ich habe mich immer gefragt, was die Anderen denn darüber denken könnten. Dann habe ich mich dazu aufgerafft, meinen Schwager richtig kennen zu lernen. Das hat sich wirklich gelohnt, und ich fühle mich danach ungemein bereichert.
Aufgrund meiner Erfahrungen in Deutschland bin ich bin der Meinung, dass viele von der AFD, deren Sympathisanten oder Menschen mit Fremdenhass sich die Mühe machen sollten „die Anderen, die Fremden“ kennenzulernen. Sich ein Urteil über einen Menschen aufgrund seiner Herkunft, Sprache oder seines Aussehens zu bilden ist nicht in Ordnung.

Martin: Was denkst du über den Einzug rechter Parolen und rechten Sprachgebrauches in die Umgangssprache auch der großen Volksparteien?
Eduard: Ich finde das sehr schade. Wir sollten ohne all die AFD-Argumente wirklich über wichtigere Dinge als Migration reden. Aus meinem Umfeld gibt es, aus Unzufriedenheit mit der aktuellen Politik, leider viel zu viele AFD-Sympathisanten und Muslim-Gegner. Dort wird die AFD einfach als Alternative gesehen, dass sich „irgendetwas“ in der Politik ändert.
Ich halte das nicht für gut. Leider bin ich auch hier mit meiner Meinung in der Minderheit.

Martin: Danke für deine Beteiligung an meinem Projekt und für deine offenen und ehrlichen Worte.