Ich bin Deutsch! – Hafza

Das Gespräch mit Hafza habe ich im Café Extrablatt in Karlsruhe geführt.
Hafza wurde in Bonn geboren und lebt schon seit über 12 Jahren, zusammen mit ihrer Mutter und ihren drei Brüdern, in Karlsruhe. Die Eltern von Hafza stammen beide aus Somalia.

Martin: Hafza, du trägst einen Hijab. Ist das die richtige Bezeichnung deiner Kopfbedeckung?
Hafza: Ja, das ist richtig. Ich trage meinen Hijab seit ich elf Jahre alt bin. Ich trage den Hijab freiwillig, es hat mich niemand dazu gezwungen. Ich bin stolz darauf, mich entschieden zu haben, diesen Weg zu gehen.

Martin: Was bedeutet es für dich den Hijab zu tragen?
Hafza: Meiner Meinung nach wird man in Deutschland schon eingeschränkt, wenn man einen Hijab trägt. Diese Erfahrung durfte ich schon machen. In der 4. Klasse wurde ich oft gefragt: „Warum trägst du das … ?“ oder „Haben dich deine Eltern dazu gezwungen … ?“. Mit diesem Wissen rate ich dazu, erst ab einem Alter von 15 oder 16 Jahren den Hijab anzulegen.
Trotzdem bereue ich es nicht, diesen Schritt getan zu haben. Wie gesagt: ich bin stolz darauf, erkenne aber auch die Nachteile, nehme diese jedoch gerne in Kauf.

Martin: Meinst du die Einschränkungen, in Deutschland einen Hijab zu tragen, werden in der Zukunft weniger? Dass die Menschen offener damit umgehen?
Hafza: Das hoffe ich. Ein Kopftuch, oder einen Hijab zu tragen ändert ja nichts an meinem Charakter, oder daran was oder wer ich bin. In Deutschland hat man ja bereits einen Schritt zu mehr Offenheit gewagt. Deutschland ist bereit dazu noch mehr zu ändern, auch wenn man Fereshta Ludin vor vielen Jahren verboten hat mit Kopftuch als Lehrerin zu unterrichten. Heute ist das in manchen Bundesländern kein Problem mehr.

Martin: Gab es schon Situationen in denen du den Eindruck hattest, man würde dich nur auf deine Kopfbedeckung reduzieren?
Hafza: Aktuell eher nicht. Früher als Schülerin jedoch schon. Als ich mich um ein Praktikum bemüht hatte, bekam ich die Antwort, dass das mit einem Kopftuch nicht möglich sei.

Martin: Du engagierst dich für interkulturelle Arbeit und für ein Miteinander. Wie gestaltet sich dieses Engagement aus?
Hafza: Naja, ich bin im Deutschsprachigen Muslimkreis Karlsruhe (DMK). Darüber bieten wir viele Veranstaltungen an und werden auch Teil der Karlsruher Wochen gegen Rassismus in diesem Jahr sein.

Martin: Bist du in der Kultur deiner Eltern ebenso „zuhause“ wie in der deutschen?
Hafza: Ja, mir ist meine Kultur sehr wichtig, auch wenn ich hier in Deutschland geboren bin. Ich liebe auch meine Heimat.

Martin: Was ist denn deine Kultur und wo liegt deine Heimat?
Hafza: Deutschland ist zum Teil meine Heimat und ich fühle mich hier auch sehr wohl. Meine erste Heimat ist jedoch Somalia. Trotzdem gehören beide Kulturen zu mir.

Martin: Hast du die Heimat deiner Eltern, deine somalische Heimat schon besucht?
Hafza: Ja, ich war 2014 schon einmal dort. Dort hat es mir sehr gut gefallen, einfach nur wunderschön. Es ist dort nicht so wie Somalia oftmals in den Medien dargestellt wird und auch nicht so, wie ich mir selbst das Land vorgestellt hatte.

Martin: Wie meinst du das? Kannst du das ein wenig ausführen?
Hafza: Ach, man sagt ja immer, Somalia wäre ein „Kriegsland“ wo immer nur Bürgerkrieg ist. In all den vielen Städten, die ich besucht habe, war nichts von Krieg zu sehen. Die Menschen dort sind sehr freundlich, sehr offen. Ich fand es sehr schön dort.

Martin: Beherrschst du die somalische Landessprache?
Hafza: Ja, natürlich

Martin: Wirst du von den Einheimischen in Somalia angenommen, oder bist du dort „die Deutsche“?
Hafza: Ich bin dort die Deutsche, ja. Man merkt es einfach, wenn man in Europa oder in Deutschland geboren wurde.

Martin: Das heißt, du wandelst salopp ausgedrückt irgendwie zwischen den Welten?
Hafza: Ja, irgendwie schon (lacht). Dort bin ich die Deutsche, hier die Somalierin.

Martin: Dein Besuch in Somalia, war das eher ein Urlaub für dich?
Hafza: Ja, ein wunderschöner Urlaub. Ich habe meine ganze Familie kennengelernt, die Seite meiner Mutter, die Seite meines Vaters, meine Kusinen. Ich habe ihr Dorf besucht. Ich war dort einfach unbeschreiblich zufrieden. Alle sind offen, alle sind freundlich. Keiner macht dich dort dumm an.

Martin: Hast du schon Ideen oder Träume, was du nach deinem Abitur machen möchtest?
Hafza: Ja, indirekt schon. Ich möchte auf jeden Fall studieren. Sehr gerne im Bereich Sozial- oder Gesundheitsmanagement. Ich hatte ja schon eine Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin angefangen. Die habe ich jedoch abgebrochen, weil ich dachte noch jung genug zu sein um nochmals die Schulbank zu drücken, um auf dem 2. Bildungsweg mein Abitur machen zu können.

Martin: Wenn du mit deinem Studium fertig bist, möchtest du mit deinem Wissen nach Somalia gehen und dort mithelfen das Land weiter voran zu bringen?
Hafza: Das wäre eine Möglichkeit. Aber das steht ja noch nicht fest. Wer weiß, wohin mich mein Leben treibt.

Martin: Findest du die Diskussion über Einwanderung, Migration und Islam hier in Deutschland als offen und ehrlich?
Hafza: Ich finde es traurig, eine Religion und die Menschen, die daran glauben in eine Schublade zu stecken. Der Islam wird hier in Deutschland meiner Meinung nach viel zu oft viel zu negativ dargestellt.

Martin: Kannst du das an Beispielen festmachen?
Hafza: Wenn durch die Stadt laufe kommt es schon vor, dass mich wildfremde Personen ansprechen und sagen: „Sie kommen doch aus einem islamischen Staat, was wollen Sie denn hier in Deutschland? Gehen Sie doch in Ihre Heimat zurück.“ Ich werde auch oft dumm von der Seite angemacht. Die Medien haben einen großen Einfluss auf diese Stimmung. Ich finde es schade, dass viele Menschen das glauben was in den Medien steht ohne das selbst für sich zu reflektieren. Ich würde mir wünschen, dass diese Menschen offener auf uns und auf den Islam zugehen würden, um damit mit uns und dem Islam eigene Erfahrungen machen zu können.

Martin: Wir gehst du dann damit um?
Hafza: Natürlich regt man sich darüber auf. Ich frage mich dann schon, was das Problem dieser anderen Person sein könnte. Da sowas jedoch oft passiert lernt man damit umzugehen. Ich lasse zum Beispiel die Menschen reden und lasse das Ganze dann nicht an mich heran. Weil: ich kann ja nichts daran ändern, wie die Menschen denken.
Viel schöner wäre es, würde man offener aufeinander zu gehen.

Martin: Setzt du dich mit diesen Menschen, die dich „dumm anmachen“ aktiv auseinander?
Hafza: Das würde eskalieren. Meinen Erfahrungen nach möchten diese Menschen gar nicht reden. Sie möchten einfach nur das loswerden was sie gerade in sich tragen.

Martin: Zum Schluss unseres Gespräches die quasi schon obligatorische Frage: Was ist denn für dich typisch Deutsch?
Hafza: (lacht lauthals) … Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit?

Martin: Vielen Dank für das nette Gespräch und deine Teilnahme an meinem Projekt.