Ich bin Deutsch! – Helen

Dieses Gespräch mit Helen habe ich in ihrer Pizzeria im Raum Karlsruhe geführt.

Helen ist türkischer Abstammung und in Jordanien geboren. Dort hatte ihr Vater lange Jahre für eine deutsche Firma gearbeitet. Die Eltern von Helen kommen aus dem türkischen Grenzgebiet zu Syrien. Helens Mann ist auch türkischstämmig, seine Eltern kommen  aus der gleichen Region. Da er schon früh mit seinen Eltern nach Deutschland ausgewandert ist, haben sich die beiden während einer seiner Urlaube im gemeinsamen Heimatdorf kennen und lieben gelernt. Seit ihrer Hochzeit vor mehr als 20 Jahren leben beide gemeinsam in Deutschland.
Helen betreibt, eine Pizzeria im Raum Karlsruhe, hat zwei Kinder und man kann sich Integration, auch über Generationen hinweg, nicht besser wünschen.

Martin: Was ist denn für dich typisch Deutsch?
Helen: Die Entwicklung der Deutschen Nationalmannschaft in den letzten zwanzig Jahren in Bezug auf die unterschiedlichen Volksgruppen. Ich glaube, das ist ein sehr gutes und erfolgreiches Beispiel für gelebte Vielfalt. Typisch Deutsch ist auch, gut Essen zu gehen, jeden Sonntag Tatort anzusehen, deutsches Bier, Urlaub auf Mallorca, Made in Germany, und Pünktlichkeit. Ich genieße die Freiheit und die gute Chancengleichheit, gerade als Frau prinzipiell alles machen zu können, was ich gerne machen möchte. Ich glaube, viele Menschen würden gerne in Deutschland leben wollen. Der Ruf von uns Deutschen im Ausland ist meiner Meinung nach viel besser als wir uns selbst zugestehen möchten.

Martin: Du hast mit deinem Mann zusammen ein eigenes Lokal. Was hast du, was habt ihr dort für Erfahrungen mit unterschiedlichen Ethnien gemacht?
Helen: Ich habe immer nur sehr gute Erfahrungen mit meinen Gästen und mit meinen Mitarbeitern gemacht. Das liegt daran, dass wir in Bezug auf Ethnien und Herkunftsländer unserer Mitarbeiter keine Unterschiede machen und offen damit umgehen. Diese Offenheit und auch der freundschaftliche Umgang, im und mit unserem Team, erzeugt eine positive Arbeitsatmosphäre.
Vor einiger Zeit haben wir einer jungen, syrischen Frau aus einem nahen Flüchtlingslager die Chance auf einen Aushilfsjob bei uns gegeben. Diese Chance hat sie genutzt, um insbesondere die  Sprache zu erlernen und sich in Deutschland zu integrieren. Auch hier haben sich Freundschaften entwickelt.

Martin: Hast du Angst vor einem weiteren Wachsen der AFD?
Helen: Ich bin der Meinung, dass die AFD und auch die Pegida durch die Flüchtlingskrise in 2015 deutlich an Zuspruch gewonnen hat. Diese Entwicklung macht mir natürlich Sorgen. Auch wenn ich mir die Welt um uns herum anschaue. Dort sind eher Spalter als Brückenbauer an der Macht, die nichts anderes kennen und können, als Ängste bei den Menschen zu schüren.
Auch die AFD schürt die Ängste der Menschen in Deutschland. Die Menschen unter uns die das erkennen, so wie du mit deinem Projekt, müssen versuchen diese Ängste bedeutungslos zu machen. Der AFD wird man meiner Meinung nach nur mit politischen Mitteln entgegnen können, so wie man es in der Vergangenheit mit den Republikanern und der NPD auch gemacht hat.

Martin: Welche Erwartungshaltung hast du an mein Projekt? Warum machst du mit?
Helen: Ich fühle mich sehr wohl in Deutschland und ich würde mir wünschen, dass dein Projekt Brücken baut, und dadurch viele Menschen zueinander und zu einem Miteinander finden. Jede Begegnung mit einem anderen Menschen, egal wo er herkommt, ist immer lehrreich für beide. Man muss bereit sein, offen und positiv aufeinander zugehen, nur dann gibt jeder sein Bestes für sich, für uns und unsere Gesellschaft. Sobald man einen Beitrag für eine Gesellschaft leistet, sich öffnet und integriert gehört man dazu und schon ist man, in unserem Fall Deutsch.
Durch mein Lokal durfte ich selbst viele Erfahrungen mit anderen Kulturen und Nationalitäten machen – mit Mitarbeitern und auch mit Gästen. Alle diese Erfahrungen waren durchweg positiv und lehrreich. In unserem Team hatten wir schon gleichzeitig junge Mitarbeiter aus Indien, Südamerika und Osteuropa. Alle sind sehr gut miteinander ausgekommen. Es war wirklich schön, das miterleben zu dürfen. Sogar neue Freundschaften sind daraus entstanden. Auch das erhoffe ich mir von deinem Projekt: neue Freundschaften, die Brücken bauen. Wie in der Nationalmannschaft oder auch den Abgeordneten mit Migrationshintergrund im Bundestag. Wir sollten unseren Umgang mit anderen Menschen als Bereicherung ansehen und versuchen diese Menschen zu integrieren und nicht als eine Gefahr für unsere Gesellschaft abstempeln.

Martin: Aus allen deinen Worten kann man deutlich herauslesen: du fühlst dich als Deutsche.
Helen: Ja natürlich, ich bin Deutsche. Ich habe mich mit meinem ganzen Bewusstsein dafür entschieden. Dabei habe ich nicht vergessen wo ich herkomme. Auch wenn ich mich im Land meiner Eltern irgendwie entwurzelt fühle. Ich mag das Land und die Menschen in der Türkei und obwohl ich natürlich die Sprache spreche, bin ich dort „die Deutsche“ oder auch „die Touristin“, die ihren Urlaub im Dorf ihrer Eltern verbringt und dann wieder nach Hause nach Deutschland fährt.

Martin: Darf ich fragen was du für einen Glauben hast?
Helen: Was glaubst du denn? (Lacht verschmitzt)
Martin: Hm, naja (ich laviere herum), ich weiss es nicht?
Helen: Meine Familie, mein Mann, meine Kinder  und ich wurden Christlich-Orthodox getauft
Martin: Das bedeutet, du kommst aus einer religiösen Minderheit in der Türkei. Wurdest du dort oder auch hier in Deutschland deswegen diskriminiert?
Helen: Nein. Auch wenn in dieser Region unterschiedliche Religionen. Also Juden, Christen, und Moslems beheimatet sind, hatte ich persönlich kaum Probleme, auch Diskriminierungen sind mir nicht bekannt. Die Menschen dort sind seit sehr vielen Jahren gewohnt zusammenzuleben.

Martin: Vielen Dank für unser Gespräch, deine Offenheit, dein Mitwirken in meinem Projekt. Danke auch für die leckere Panacotta 🙂