Ich bin Deutsch – Sawsan Chebli

Sawsan Chebli ist Bevollmächtigte des Landes Berlin beim Bund und Staatssekretärin für Bürgerschaftliches Engagement und Internationales in der Berliner Staatskanzlei. Zuvor war sie stellvertretende Sprecherin des Auswärtigen Amtes unter Fank-Walter Steinmeier.

Offizielles Pressebild ©Sharon Back

Martin Wolfert: Ich habe in einem Interview gelesen, dass Sie sehr viel arbeiten. Würden Sie sich als Workaholic bezeichnen, oder ist der Begriff falsch gewählt?
Sawsan Chebli: Ich kann mit dem Begriff Workaholic nicht viel anfangen. Ich liebe die Politik und meine Arbeit und kann das oft gar nicht so sehr von meinem Privatleben trennen. Denn was mich zum Beispiel als Staatssekretärin für bürgerschaftliches Engagement antreibt, wo es um Demokratie und Zusammenhalt geht oder um den Kampf gegen Rechts, lege ich nicht einfach ab, sobald ich nach Hause gehe. Das ist eine Daueraufgabe, die mich auch als Privatperson bewegt.

Martin Wolfert: Trotz dieser langen Arbeitstage haben Sie sich die Zeit genommen, Teil von meinem jungen Projekt „Ich bin Deutsch!“ zu werden. Was hat Sie bewogen mitzumachen?
Sawsan Chebli: Klar! Solche Gespräche sind wichtig. Ich versuche gerade da stärker aktiv zu sein, wo die Scheinwerfer eben nicht sind. So bin ich viel in der Stadt unterwegs und besuche kleinere Vereine oder Initiativen, die wenig Sichtbarkeit haben. Das sind Termine, die mir am Herzen liegen. Sie zeigen mir, wie wichtig es ist, Menschen, die sich für den Zusammenhalt einsetzen, den Rücken zu stärken.

Martin Wolfert: Ihre Biografie ist eher ungewöhnlich und sollte meiner Meinung nach als Vorbild dienen. In den USA würde man sagen, Sie lebten den American Dream. Wenn man auf Deutschland sieht, dann sieht positive Resonanz anders aus. Warum glauben Sie ist das so? Weil Sie eine erfolgreiche und starke Frau sind? Ist das Neid?
Sawsan Chebli: Wenn man sich Aufsteiger in der Politik aus den USA anschaut, sieht man auch dort, dass das alles nicht so leicht ist. Alexandra Ocasio-Cortez zum Beispiel, ist eine Person, die stark mit Anfeindungen, Sexismus und Rassismus zu kämpfen hat. Sie wird auch bedroht. Es ist heute so, dass jeder, der Haltung einnimmt, für etwas steht, immer massive Gegenwehr erleben wird. Und je sichtbarer wir sind, desto radikaler die Angriffe. In dem Moment, in dem ich für die Öffentlichkeit sichtbar geworden bin und stark Position bezogen habe gegen rechts, wurde ich zum Feindbild Nummer eins der Rechten. 

Martin Wolfert: Ich glaube, dass Sie ein Vorbild für Jugendliche, gerade aus schwierigen Verhältnissen sind. Wie schafft man es mit den Startbedingungen, die Sie hatten, dahin zu kommen, wo Sie jetzt sind? Ist das nur harte Arbeit, ist das Glück, hängt das von Mentoren oder von Rückhalt ab?
Sawsan Chebli: Das ist eine Kombination von ganz vielen Dingen. Ein wichtiger Aspekt ist der familiäre Rückhalt. Trotz fehlender eigener Bildung hatten meine Eltern schon immer ein starkes Bewusstsein dafür, dass Bildung wichtig ist. Dann gab es immer Personen, die an mich geglaubt haben. Ein Großteil ist auf jeden Fall eigener Ehrgeiz.

 Wir können nicht immer erwarten, dass jedes Kind diesen Ehrgeiz und diese Stärke hat, sich durchzuboxen. Das System muss hier viel stärker werden, als es jetzt ist, um niemanden abzuhängen. Wir müssen noch mehr Energie und Ressourcen hineinstecken, dass jedes Kind unabhängig vom Geldbeutel oder den Ausgangsbedingungen die Möglichkeit hat sich weiterzubilden. Damit meine ich nicht unbedingt ein höheres Studium, sondern auch eine vernünftige Ausbildung.

Martin Wolfert: Sie können in Berlin das Thema Bildung ein wenig anders handeln, weil Bildung ja Ländersache ist. Müsste es da Initiativen geben, weil ja nicht jedes Kind die gleichen Chancen bekommt?
Sawsan Chebli: Das ist eine der größten Aufgaben unserer Zeit. Mit Bildung hängt alles zusammen. Die Zukunftsfähigkeit unseres Landes hängt davon ab, ob wir es schaffen, unsere Kinder vernünftig auszubilden. 

Martin Wolfert: Wenn Sie junge Menschen, egal welcher Hautfarbe, motivieren wollten, ihren eigenen Weg zu finden und zu gehen, mit welchen Stories würden Sie versuchen diese jungen Menschen mitzunehmen?
Sawsan Chebli: Zuerst erzähle ich, wie ich meinen Weg gegangen bin, und versuche sie, dahingehend zu stärken, ihren eigenen Weg zu finden und nicht aufzugeben. Von den vielen Reaktionen, die ich gerade von jungen Menschen bekomme, ist es für sie auch sehr wichtig, dass ich mich durch die ganzen Hater und Hetzer nicht beirren lasse, sondern weitermache. Ich bin auch Mentorin bei einigen Projekten, in denen es darum geht, junge Migranten bei ihrem Werdegang zu begleiten. Sie zu beraten. Ihnen meine Netzwerke anzubieten. Mit Anfeindungen und Rassismus umzugehen. 

Martin Wolfert: Das heißt, Sie haben sich im Laufe ihres Lebens, was Rassismus und Diskriminierung angeht, ein dickes Fell zugelegt?
Sawsan Chebli: Ja, sonst funktioniert das ja gar nicht.

Martin Wolfert: Können Sie abschalten?
Sawsan Chebli: Manchmal, ja …

Martin Wolfert: Wer war denn die wichtigste Person auf Ihrem bisherigen Lebensweg?
Sawsan Chebli: In unterschiedlichen Phasen unterschiedliche Menschen.

Martin Wolfert: Haben wir in Deutschland wieder ein Problem mit Antisemitismus?
Sawsan Chebli: Wenn Sie sich die Zahlen anschauen, die das BMI kürzlich herausgegeben hat, dann sieht man einen fast zwanzigprozentigen Anstieg antisemitischer Vorfälle.
Daher: Ja. Aber nicht nur in Deutschland, sondern europaweit erleben wir einen Anstieg an Antisemitismus. Das macht mir Sorgen. Denn Antisemitismus ist für mich Gift für die Demokratie. Wenn Juden sich in unserem Land nicht sicher fühlen und nicht mehr sicher sind, dann ist auch unsere Demokratie bedroht.

Martin Wolfert: Die Tatsache, dass sie einen palästinensischen Hintergrund haben, bietet ja durchaus ein Spannungsfeld, weil einige Menschen vielleicht denken könnten, Sie wären zu pro israelisch?
Sawsan Chebli: Ja, nicht jeder unterstützt mein Engagement. Angriffe erlebe ich von beiden Seiten. Die meisten aber unterstützen meinen Kampf gegen Antisemitismus. Dass Juden und Muslime an einem Strang ziehen sollten, sehen doch sehr viele ein. Heute gibt es auch viel höhere Bereitschaft der muslimischen Akteure auf Juden zuzugehen, als es jemals vorher der Fall war.

Martin Wolfert: Dieser aufkommende Antisemitismus, hat das etwas mit den Phänomenen Trump oder Johnson zu tun?
Sawsan Chebli: Antisemitismus war schon immer da. Aber Antisemitismus tritt heute aggressiver, unverhohlener und viel selbstbewusster auf. Das hat mit der Stimmung in Europa und in unserem Land zu tun. Mit Rechtsruck und dem Verschieben von roten Linien. Mit Dingen, die die AFD sagt wie „… ein Vogelschiss in der Geschichte …“ und „… Mahnmal der Schande …“. Mit Dingen, die aus der Mitte der Gesellschaft kommen, und auf einmal salonfähig sind.

Martin Wolfert: Bleiben solche Leute, wie Trump, Johnson etc., Ihrer Meinung nach nur eine Randnotiz der Geschichte?
Sawsan Chebli: Wenn man sich die heutige Entwicklung in der Welt ansieht, gibt es leider wenig Indizien, die darauf hindeuten, dass das nur ein kurzweiliges Phänomen ist.

Martin Wolfert: Wir werden uns also damit auseinandersetzen müssen …
Sawsan Chebli: Wir setzen uns alle in der Gesellschaft schon die ganze Zeit, jeden Tag, damit auseinander. Ich habe gerade gestern mit einer Zeitzeugin über Rassismus, über den Rechtsruck und über Ausgrenzung gesprochen. Sie hat gesagt, das erinnere sie alles ein wenig an früher. Wenn man das hört, dann wird einem übel.

Martin Wolfert: Meinen Sie die Gesellschaft in Deutschland hat etwas daraus gelernt und reagiert heute anders als früher?
Sawsan Chebli: Ich finde die Mitte zu still!

Martin Wolfert: Wie könnten wir die Mitte darin unterstützen lauter zu werden?
Sawsan Chebli: Ich verstehe ehrlich gesagt nicht, wie man so still sein kann, wenn man in einem Land mit dieser hässlichen Geschichte lebt. Als Staatssekretärin versuche ich, Menschen zu motivieren, sich zu engagieren. Versuche, ihrer Stimme Gehör zu verschaffen, indem ich es auch laut tue, mich nicht kleinkriegen lasse und selbst Gesicht zeige. Ich würde mir wünschen, dass das mehr Menschen auch tun.

Auf der anderen Seite muss man auch sehen, dass sich in Berlin über siebenunddreißig Prozent der Menschen für andere engagieren, für Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind. Auch das müssen wir uns immer vor Augen führen, gerade dann, wenn man das Gefühl hat: es wird alles immer schlimmer. Wir sehen auch Geflüchtete, die 2015 bei uns angekommen sind und heute mit anpacken, sich für die Gesellschaft engagieren. Mit unserem Projekt Farbenbekennen wollen wir genau dieses Engagement sichtbarer machen.

Martin Wolfert: Ist das vielleicht auch ein Stück mediengemacht, mehr solche Schlagzeilen zu produzieren …?
Sawsan Chebli: Ja. Ganz klar, auch Medien haben eine große Verantwortung. Denn es ist deutlich schwieriger, mit einer positiven Geschichte auf die Titelseite zu kommen. Berliner lokale Medien sind jedoch Vorreiter in Sachen Sichtbarkeit von Engagement. Das finde ich toll.

Martin Wolfert: Twittern Sie deswegen so viel? Um Aufmerksamkeit zu erreichen, um Menschen auf etwas hinzuweisen?
Sawsan Chebli: Ja, auch. Ich wirke so an politischen Diskursen mit und versuche mit meiner Stimme, Veränderungen herbeizuführen.

Martin Wolfert: Ist das eine neue Art von Politik? Aus der Sicht meiner Generation heraus fühlt es sich seltsam an, über Twitter Politik zu machen. Vor allem, wenn die Twitter-Konsumenten sich nicht die Mühe machen, über ihre Blase hinauszusehen.
Sawsan Chebli: Ich finde das zu kurz gegriffen, wenn man sagt, Twitter sei eine Blase. Zum Teil gibt es diese Blase, aber manche Tweets, die ich absetze, werden auch außerhalb von Twitter diskutiert und von anderen Medien breit aufgegriffen. Twitter ist eine von vielen Kommunikationstools, die uns heute zur Verfügung stehen.

Martin Wolfert: Wie definieren Sie den Begriff „Heimat“ für sich? Ist das ein Gefühl oder ein Ort?
Sawsan Chebli: Das hat ganz viel mit Gefühlslage zu tun. Das kann zu unterschiedlichen Zeiten ein unterschiedlicher Ort sein. Berlin und Deutschland sind jedoch immer Heimat. Egal, wo ich auf der Welt bin.

Martin Wolfert: Eine Frage, die ich allen Projektteilnehmern stelle: Gibt es etwas, was für Sie typisch Deutsch ist?
Sawsan Chebli: Typisch Deutsch hat so viele Facetten. Typisch deutsch ist Pünktlichkeit, Disziplin, Genauigkeit, Bürokratie. Aber auch Dauermeckerei ist typisch deutsch. Dass wir uns mit loben schwertun, ist typisch deutsch. Wenn ich mir das vielfältige Berlin ansehe, dann ist das typisch Deutsch. Berlin-Kreuzberg ist typisch Deutsch, aber auch Bayern mit den Dirndln und dem Oktoberfest ist typisch Deutsch und im Ausland sicher ganz stark mit Deutschland verbunden.
Wir haben in 2017 ein Projekt gestartet, das „Farbenbekennen“ heißt. Da haben wir Geflüchtete mit dem Slogan „Typisch Deutsch“ abgebildet. Weil sie für bestimmte Werte stehen. Für Hilfsbereitschaft, für Empathie, für Disziplin, dafür, dass sie mit anpacken, dass sie Verantwortung übernehmen. Das sind wichtige Tugenden, die ich auch als typisch Deutsch empfinde. Typisch Deutsch hat eben viele Gesichter.

Martin Wolfert: Frau Chebli, vielen Dank für das Interview und für Ihre Mitwirkung an meinem Projekt.

Vielen Dank an dieser Stelle an die Stiftung gegen Rassismus, die mir im Rahmen des Projektes „Prominent gegen Rassismus“ das Interview mit Frau Chebli vermittelt hat.